50 Jahre Renault R4 Eine Liebe in Kurzversion

An der simplen Genialität des Renault R4 konnte nicht mal der Rost etwas ändern. Eine Widmung zum Fünfzigsten

von Michael Specht

Wussten die bei Renault eigentlich, was für eine coole Kiste sie da auf die dünnen Räder gestellt hatten? Vermutlich nicht. Sonst hätte es vom R4 längst eine Neuauflage gegeben, wie vom Mini, New Beetle oder Fiat 500. Auch ich brauchte damals eine gewisse Zeit, bis ich kapierte, was diesen R4 so einzigartig machte. Das Auto war zwar nicht schön, aber schön einfach. Wenigstens.

Coole Kiste

mehr...

Anfangs würdigte ich diese Schrulligkeit keines Blickes. Als 20-Jähriger bestand meine automobile Welt aus kleinen Knallkisten wie Simca Rallye 2, Autobianchi Abarth oder Honda S 800, allesamt von purem Testosteron angetriebene Pubertäts-Minis, mit denen man die Mädchen mehr beeindrucken konnte als mit einem - na ja, Renault 4 eben.

Diese skurrile Kiste war in meinen Augen nur etwas für Birkenstockträger, Haschischraucher und Atomkraftgegner. Die Läuterung kam, als ein Freund mich fragte, ob er nicht für ein paar Wochen den R4, Baujahr 1972, seiner Schwester, Baujahr 1954, in meiner Werkstatt unterstellen dürfe und ich netterweise (oder dummerweise) Ja sagte. Die französische Revolution nahm ihren Lauf.

Da stand das Ding nun, hochbeinig und unbeholfen, rot und rostig. Ich staunte über die Heckklappe und die umlegbare Rücksitzbank (dieses Konzept ist Renault immerhin 13 Jahre vor Volkswagen eingefallen), über die wolkenweiche Federung, die lässige Revolverschaltung, die gerne auch mit einem Regenschirm verwechselt wurde, über die meist klemmenden Schiebefenster und den durchgehenden vorderen Fußraum, eben wie die norddeutsche Tiefebene. Die anschließende Probefahrt erschien mir dann wie die Entdeckung der Entschleunigung.

1961 wurde der R4 erstmals der Öffentlichkeit präsentiert. Er war Renaults erstes Modell mit Frontantrieb und der Welt erster Kleinwagen mit Heckklappe und variablem Laderaum. Auf nur 3,66 Meter Länge bot er fünf Personen recht bequem Platz.

In den garantiert veloursfreien Kofferraum passten 255 Liter, mit umgelegter Rückbank sogar 950. Keine Kante schränkte das Beladen ein. Kadett und Käfer fuhren in Sachen Nutzwert und Räumlichkeit um Lichtjahre hinterher.

Sein Plattform- und Baukastenkonzept war so überzeugend, dass der R4 - seit 1965 hieß er offiziell Renault 4 - fast unverändert 30 Jahre lang produziert wurde. Im Lauf der Zeit entstanden so kuriose Varianten wie Pritschen- und Kastenwagen (Fourgonnette) sowie in geringerer Stückzahl auch die offenherzigen Versionen Plein Air und Rodeo.

Flirt auf französisch

mehr...