Harley-Davidson Project Livewire Stromschlag für die Rockerseele

Das Elektro-Motorrad Harley-Davidson Project Livewire geht nun auf US-Tour.

(Foto: AP)

Ein erzkonservatives Unternehmen zeigt Pioniergeist: Ausgerechnet Harley-Davidson stellt ein Motorrad mit Elektromotor vor. Leistung und Reichweite sind überschaubar, aber beim Klang hat sich Harley etwas Besonderes einfallen lassen.

Von Thomas Harloff

Die Marke Harley-Davidson steht für vieles, aber für eines sicher nicht: Fortschrittlichkeit. Vor allem beim Motorenbau bleibt sich die amerikanische Motorradschmiede seit Jahrzehnten treu und setzt fast ausschließlich auf großvolumige V2-Verbrennungsmotoren, die aufgrund ihrer souveränen Leistungsentfaltung und ihres charakteristischen Klangs von Enthusiasten auf der ganzen Welt geliebt, teilweise sogar verehrt werden.

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Doch schon bald könnte Harley-Davidson der erste große Motorradhersteller werden, der seine Modellpalette um ein Bike mit Elektromotor ergänzt. Der Hersteller aus Milwaukee, Wisconsin, stellte nun die Konzeptstudie "Project Livewire" vor, mit der die Kundenreaktionen auf ein solches Vorhaben getestet werden sollen.

Erste Fotos zeigen ein eher klassisch gestaltetes Motorrad mit nur einem Sitz, rundem Hauptscheinwerfer, kurzem Streetfighter-Heck und sehr breitem Hinterreifen. Der Elektromotor und die Batterie sitzen dort, wo sonst das V2-Triebwerk untergebracht ist.

Reifenmordend, sinnlich und schnell leer

Viel Technisches verraten die Amerikaner noch nicht über ihr neues Prestigeobjekt. Bekannt ist, dass der Elektromotor etwa 74 PS leisten und ein maximales Drehmoment von 70 Newtonmetern zur Verfügung stellen soll. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei etwa 150 km/h, die Beschleunigung von null auf 60 mph (96,6 km/h) soll das Project Livewire in vier Sekunden absolvieren - aus Harley-Davidsons Sicht eine "reifenmordende" Beschleunigung. Voller Bewunderung für das eigene Produkt beschreibt der Hersteller das Fahrverhalten als "sinnlich".

Harleys Elektromotorrad ist maximal 150 km/h schnell, schon nach 85 Kilometern ist die Batterie leer.

(Foto: AP)

Viel Zeit, dies zu genießen, hat der Fahrer jedoch nicht. Bereits nach 85 Kilometern muss der Versuchsträger an die Steckdose, um den Lithium-Ionen-Akku wieder aufzuladen. Strom tankt die E-Harley an einer Haushaltssteckdose, was etwa dreieinhalb Stunden dauert.

Wie ein startender Kampfjet

Mehr Gedanken als über die Fahrleistungen und Reichweite scheinen sich die Techniker über den Klang des Elektromotors gemacht zu haben. "Der Sound ist ein elementarer Teil des Nervenkitzels", sagt Mark-Hans Richer, Marketing-Geschäftsführer bei Harley-Davidson. In dieser Hinsicht soll der Prototyp weder mit dem eines Verbrennungs- noch mit dem eines Elektromotors vergleichbar sein. Anstelle des unverwechselbaren markanten Blubberns des V2-Motors soll beim Project Livewire ein von einem Soundgenerator erzeugter Klang treten, der an ein startendes Kampfflugzeug erinnert.

Um herauszufinden, ob sich Harley-Davidson-Fans mit dem Konzept eines Elektro-Motorrades anfreunden können, geht der Prototyp nun auf Reisen. Zuerst entlang der Route 66, wo bis Jahresende bei mehr als 30 Händlern die Reaktionen getestet werden sollen. Danach geht es in andere Regionen der USA, bevor das Bike 2015 auch in Kanada und Europa vorgestellt wird.

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Ungewisse Zukunft

Derzeit ist völlig unklar, welche Serienchancen das Project Livewire hat. Es sei derzeit unmöglich zu wissen, wann die Firma entscheiden werde, ein Elektro-Motorrad in seine Angebotspalette aufzunehmen, sagt Richer der Onlineausgabe des in Milwaukee erscheinenden Journal Sentinel. Ob es dazu komme, hänge vor allem von den Kundenreaktionen auf den am 26. Juni bei der "Bike Night" im Harley-Davidson-Museum debütierenden Prototypen ab.

Spannend wird sein, ob Harley-Davidsons Vorstoß für Belebung des Elektro-Motorrad-Marktes sorgt. Laut Journal Sentinel werden nicht einmal 1,5 Prozent aller verkauften Motorräder in den USA von einem E-Triebwerk angetrieben. Allerdings bietet aktuell keiner der großen Hersteller ein solches Bike an. Die Branche wartet vor allem auf eine neue, leistungsstärkere Batteriegeneration, die höhere Reichweiten ermöglicht. Gut möglich, dass mit Harley-Davidson dann plötzlich ein Erzkonservativer das Tempo vorgibt.