Glück im Stau Stau? Stellt euch nicht so an!

Illustration: Jochen Schievink

Pfingsten, das heißt leider auch: verstopfte Autobahnen, Streit mit dem Partner, abenteuerliche Umwege, verlorene Lebenszeit. Oder? Zehn Gründe, warum Stau in Wahrheit toll ist.

Von Hannes Vollmuth und Martin Zips

Nichts rauscht

Der Drang, Fließendes zu stauen, aus einem rauschenden also ein stilles Gewässer zu machen, ist schon bei Kindern zu beobachten. Überall, wo Wasser fließt, lieben sie es, aus Zweigen, Sand und Steinen bibergleich Dämme zu formen. Das Wort "Stau", welches vom mittelniederdeutschen "stouwen" kommt, und genau diese Hemmung eines Wasserlaufes meint, steht also eigentlich für eine tiefe menschliche Sehnsucht. Endlich Ruhe! Endlich rauscht nichts mehr sinnlos an einem vorbei. Endlich kann man einfach in die Landschaft blicken. Oder in andere Autos. Wer sind diese Menschen? Wohin fahren sie? Auf dem Weg in den hoffentlich sonnenreichen Pfingsturlaub erfrischen solche Gedanken wie ein letzter Schauer an der Alpennordseite.

Streit reinigt

Stau zu mögen ist nicht gerade en vogue. Das liegt auch daran, dass heftige Gefühle - Hass, Wut, Szenen einer Ehe - keinen guten Leumund haben. Da heißt es schnell, V. habe sich nicht unter Kontrolle, oder noch schlimmer: Z. sei ein Choleriker. Echt schade. Ist Stau nicht das Präludium eines jeden Urlaubsglücks? Eine einmalige Gelegenheit der seelischen Reinigung? Instrumente der Katharsis im Stau: Hupen (mehrmals); Schreien (wahlweise mit geschlossenem und offenem Fenster); doofes Anfahren und beklopptes Abbremsen; Ehekrach. Vorteil: Der Mitfahrer wird das Theater in jedem Fall verzeihen, kann er doch davon ausgehen, nach diesem reinigenden Gefühlsgewitter endlich tiefenentspannt in Irsching anzukommen.

Schlag nach bei Goethe

Von Karlsbad nach Venedig brauchte Goethe einst 25 Tage - ganz ohne Stau. Da sind die heute vom Routenplaner berechneten neun Stunden mit dem Auto doch ein Klacks! Wer natürlich meint, er müsse die Strecke ausgerechnet am Pfingstsamstag hinter sich bringen, der darf ruhig noch ein paar Stau-Stündchen draufpacken. Vom ersten "Rekordstau" auf deutschem Boden war übrigens im Sommer 1963 die Rede. Damals war der Verkehr zwischen Heidelberg und Mannheim auf 33 Kilometern zusammengebrochen. Eine lächerliche Länge, aus heutiger Sicht. Doch schon in der Antike gab es Verkehrsinfarkte. So ließ 45 v. Chr. Caesar in Rom Fuhrwerke verbieten, weil auf den Straßen nichts mehr ging. Stau hat eben Tradition. Auch das macht ihn zum Erlebnis.

Blechrekord

Sicher wollten im August 2010 alle nur nach Hause, man befand sich immerhin auf einem chinesischen Express-Highway. Dann geschah - nichts, Stau. Und gleichzeitig etwas Aufregendes, ein Weltrekord. Wer kann schon von sich behaupten, bei einem solchen jemals dabeigewesen zu sein? Denn am Ende waren neun Tage vergangen (Gott brauchte sieben, um die Welt zu erschaffen), an denen ein 100 Kilometer langer Blechlindwurm über den Asphalt gekrochen war, sich in Abgasen gerekelt hatte und mit jedem Tag ein anderer Staurekord zerbröselte. Putzig erscheint seitdem zum Beispiel der Woodstock-Stau, der sich im August 1969 in den USA ereignet hatte und drei Tage gedauert haben soll. Seitdem werden abendfüllende Anekdoten jener Tage erzählt.

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Tschingderassabum

Vom britischen Geschäftsmann James Murdoch stammt der Ausspruch: "Warum soll ich mir einen Ferrari kaufen, wenn ich damit eh nur im Stau stehe?" Warum? Na genau deshalb! Weil es eben einen Unterschied macht, ob man in einem Ruderboot oder einer Luxusyacht vor Anker geht. Wer also zum Beispiel häufig auf der A8 zwischen Stuttgart und Karlsruhe oder auf der A1, A4, A3 rund um Köln unterwegs ist, für den lohnt sich ein schickes, teures Auto. So viel Zeit zum Spielen! So viele Knöpfe! So viele Hebel! So viel Tschingderassabum. Wenn das nicht glücklich macht, was dann? In München ist die Dichte an Tschingderassabum-Autos übrigens besonders hoch. Ist aber auch klar, denn dort gibt es den Mittleren Ring. Und mehr Spielzeit als hier gibt's nirgends.

Stau macht schlau

Kritiker des omnipräsenten und gleichzeitig immer unsichtbarer werdenden Neoliberalismus wenden gerne ein, dass Stau eine Folge des Kapitalismus ist. Recht haben sie. Aber der Kapitalismus war schon immer ein Fuchs, dessen Spezialität es ist, Lösungen anzubieten, die ohne ihn nicht nötig gewesen wären. Stauanfängern sei also empfohlen: "Mausi steckt im Stau" (ab drei Jahren). Fortgeschrittene greifen bitte zu: "Stau macht schlau: 133 Spiele und Knobeleien für Grundschulkinder unterwegs ". Und für alle, die noch daran zweifeln, dass Stau der kontemplativste Moment der Postpostmoderne ist: "Schalt doch mal runter! Entspannung und Meditation für Autofahrer: Gegen den Stress im Stau und Berufsverkehr - mit traumhafter Musik von Derek Lion".

Kreißsaal Auto

Kinderkriegen ist Teil des Lebens, was längst auch auf den Stau zutrifft. Manchmal kommt beides zusammen, zum Beispiel am 18. November 2015 in Manila, wo Angel Ramos-Canoy nicht nur hochschwanger im Stau steckte, sondern am Ende auch auf dem Seitenstreifen ihr Kind gebar. Oder drei Wochen später bei Krefeld, als Mama Deldar zu ihrem Mann sagte: "Fahr' an die Seite, das Kind kommt." Der Mensch ist eben pragmatisch, und die Behörden übrigens auch, die im zähflüssigen Bangkok eine eigene Baby-Polizei unterhalten. Für alle Philosophen, Theologen und Astronomen unter uns: dass aus dem (Stau-)Stillstand neues Leben entstehen kann, ist im Prinzip die Wiederholung der kosmischen Schöpfungsgeschichte. Aber das nur nebenbei.

Tanzen auf dem Asphalt

Im Musical "Singin' in the Rain" (1952) waren es noch die nassen Bürgersteige von Hollywood, die fröhlich betanzt wurden. In "West Side Story" (1961) die kargen Hinterhöfe von Manhattan. Doch hier und heute eignet sich als kinotaugliches Tanzparkett nichts besser als stehender Verkehr. Dort verbringen wir ja den Großteil unseres Lebens! Genial: die Eröffnungsszene von "La La Land" (2016). Erst hopst eine Frau fröhlich über Asphalt und Motorhauben - am Ende rockt jede Spur. Ja, so muss man's machen. Guter Tipp auch für deutsche Autolenker (40 Stunden Durchschnittsstau pro Jahr). Hätte sich Michael Douglas als genervter Großstädter in "Falling Down" (1993) seinen Staufrust auch mal so weggetanzt, es wäre im Film deutlich weniger geballert worden.

Allerhand von der Sau

Hämelerwald, Böblingen, Irschenberg - manche Orte scheinen mit dem stockenden Verkehr verheiratet zu sein. Warum nicht mal aussteigen? In Hämelerwald zum Beispiel kann man auf den Spuren von SPD-Generalsekretär Hubertus Heil wandeln. Hier hat er in der B-Jugend gespielt. In Böblingen lohnt ein Besuch des Fleischermuseums. Und vom Irschenberg aus lässt sich das eiszeitliche Molassebecken wunderbar betrachten. Weitere Tipps: Vom Parkplatz Rohrbach-Ottersried (Staufalle Holledau) ist es nur ein Steinwurf zum "Alten Wirt", wo es "Allerhand von der Sau" für 10,50 Euro pro Person gibt. Und von Greding (Staufalle Kindinger Berg) kann man bei gutem Wetter nach Österberg spazieren, wo der große Philosoph Johannes Hirschberger zur Welt kam. #

Roboterhilfe

"Alles, was noch nicht gewesen ist, ist Zukunft, wenn's nicht gerade jetzt ist", sagte Angela Merkel mal - ohne wohl an Stau zu denken, also haben wir es getan. Die Zukunft gehört dem Roboter, klar. Und der Roboter, das Roboterauto, wird uns auch vom Stau erlösen, klar. Gleichzeitig segeln jetzt schon auf der staugeplagten A 9 Roboterautos an Greding vorbei, schnurrend und den Codenamen Jack tragend, die schon deshalb völlig untalentiert für Staus sind, weil sie nicht wie doof beschleunigen und nicht bremsen wie bekloppt. Sanft und geschmeidig, Computer- und algorithmusunterstützt trägt das Roboterauto uns also in die staufreie Zukunft, wobei sich schon jetzt die Frage stellt: was bloß machen mit dieser Unmenge an gewonnener Lebenszeit?

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