Fahrzeugentwicklung Die Digitalisierung des Autos überfordert den Fahrer

Der Fahrer steht draußen und bedient die App, die Mercedes E-Klasse parkt automatisch ein.

(Foto: Daimler AG)

Fernsehen, Internet, 360-Grad-Kameras, Einparkpiloten - moderne Autos sind wahre Technologie-Träger. Vieles davon ist nicht nur überflüssig, sondern auch gefährlich.

Kommentar von Felix Reek

Ein Touch auf das Smartphone genügt. Dann öffnet sich die neue Mercedes E-Klasse. Per NFC, einem Übertragungsstandard zum Austausch von Daten über kurze Strecken, kommuniziert das Handy mit dem Auto. Ein Schlüssel ist überflüssig, gibt es aber noch weiterhin. Wer will schließlich genau dem Gerät, dessen Akku permanent leer ist, die alleinige Hoheit über sein Auto verleihen?

Es ist nur eine von vielen technischen Raffinessen, die die Mittelklasse-Limousine aus Stuttgart gegen Aufpreis bietet. Sie ist mittlerweile mehr digitale Schaltzentrale als schnödes Fortbewegungsmittel. Hier ein kleiner Auszug aus der Extras-Liste der aktuellen E-Klasse-Generation: Comand Online, Head-up-Display, Multifunktions-Telefonie, TV-Tuner, Remote Park-Pilot, Attention Assist, 360-Grad-Kamera, Pre-Safe-System, Drive Pilot, Distronic, Multibeam LED. Was sich wie Schlagwörter aus einem Management-Meeting im Silicon Valley anhört, sind alles Dinge, die das Autofahren entweder sicherer oder unterhaltsamer machen sollen. Ein Technik-Overkill, mit dem die Fahrer der E-Klasse erst mal zurechtkommen müssen.

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Die App überwacht auch den Wischwassertank

Natürlich ist Mercedes in bester Gesellschaft. Kaum ein Auto kommt heute noch ohne eine Vielzahl technischer Sperenzchen aus. Fernsehempfang? Kein Problem. WLAN? Natürlich. Man kann Stunden damit zubringen, sein Auto einzurichten, ohne einen Meter zu fahren. Vier verschiedene Tacho-Displays, Navis mit Sprach-, Touch- und Schrifterkennung - das alles ist längst Standard, zumindest ab der Mittelklasse. Eine App verrät dem Fahrer der E-Klasse sogar, wie viel Wasser in noch seinem Scheibenwischertank ist. Früher drehte man einfach den Deckel auf und schaute hinein.

Daran ist vor allem ein Gerät Schuld: das Smartphone. Wir alle können nicht mehr ohne den Minicomputer, auf dem wir Videos schauen, Nachrichten schreiben, uns durch die Welt navigieren. Also wird das Auto zum Teil dessen. Interaktiv, vernetzt, Schalten, Gas geben, Touchen und Swipen. Nur hilft uns das, sicherer, schneller oder entspannter ans Ziel zu kommen? Machen wir uns nichts vor: Viele von uns sind schon mit dem reinen Autofahren überfordert.

Umso mehr Technik, umso mehr Verwirrung

Ohne Zweifel sind technische Innovationen unabdingbar für die Weiterentwicklung des Autos. Eine Vielzahl von Sicherheitssystemen kann heute Situationen verhindern, die noch vor wenigen Jahren zu gefährlichen Unfällen geführt hätten. Sensoren zeigen Autos im toten Winkel an, warnen vor schläfrigen Fahrern oder lösen die Notbremsungen aus, wenn der Vorausfahrende abrupt zum Stillstand kommt. Niemand würde den Nutzen dieser Systeme in Frage stellen. Aber sie funktionieren so gut, weil sie automatisch eingreifen und den Fahrer nicht ablenken. Jede zusätzliche Funktion, die es zu bedienen gilt, ist eine Gefahrenquelle. Denn Multitasking beherrschen entgegen dem Klischee weder Frauen noch Männer.

Eine Studie des US-Versicherers IIHS unterstreicht das. Dieser ließ bereits 2014 Autofahrer mit Rückfahrkamera, mit Parksensoren und mit beiden Systemen kombiniert einparken. Das Ergebnis: Am besten funktioniert die Kamera (50 Prozent aller Kollisionen vermieden), am schlechtesten die Sensoren (10 Prozent). Nun sollte man meinen, beide Systeme kombiniert führten zur größtmöglichen Sicherheit. Stattdessen konnten nur noch 25 Prozent aller Unfälle vermieden werden. Die Fahrer waren zu abgelenkt. Jetzt stelle man sich nur vor, was passiert, wenn zeitgleich die Massagefunktion des Sitzes den Rücken durchwalkt, die App rät, das Spritzwasser aufzufüllen und die Schwiegermutter Whatsapp-Nachrichten im Sekundentakt auf das Display in der Mitte des Armaturenbretts sendet. Es droht ein Desaster.

Wedeln statt wischen

Die Hersteller indes machen immer weiter. Ungeachtet dessen, dass eine Studie des US-Marktforschungsunternehmens J.D. Power Reports 2015 ergab, dass ein großer Teil der Autofahrer die technischen Spielereien entweder nie benutzt, sie für unnötig hält oder zum Teil noch nicht einmal ausprobiert hat. Und ungeachtet dessen, dass Experten schon seit Jahren warnen, dass jede Berührung des Touchscreens eine gefährliche Ablenkung ist, da der Blick zum Display wandert und nicht dorthin, wo er hingehört: auf die Straße.

Doch statt die Funktionen zu reduzieren, reagiert die Industrie mit einer neuen technischen Innovation. Gesten sollen Funktionen des Autos steuern. Im aktuellen VW Golf lässt sich so per Handbewegung das Radio bedienen. So soll der Blick auf der Straße bleiben, während die Hände über dem Steuer in der Luft wedeln.

Abgesehen davon, dass es natürlich genauso unverantwortlich ist, die Hände vom Steuer zu nehmen, funktioniert die neue Technik nicht einmal sonderlich gut, wie unser Test zeigt. Stattdessen schaut der Fahrer noch länger in Richtung Bildschirm. Ein immenser Sicherheitsgewinn? Wohl eher das Gegenteil.

Die Lösung kann natürlich auch kein kompletter Verzicht sein, die Rückkehr zum puren Fahrerlebnis. Wer einmal in einem Oldtimer saß weiß, wie beschwerlich das sein kann. Es gilt, den Fokus wieder auf das zu richten, was wirklich wichtig ist beim Autofahren: die konzentrierte Aufmerksamkeit auf den Verkehr. Nur so wird Autofahren wieder entspannter und sicherer.