Fahrbericht Volvo S 80 Bi-Fuel Volvo gibt Gas

Tanken für rund eine Mark pro Liter, das ist lange her, oder? Nein. Man muss nur Erdgas statt Benzin oder Diesel tanken.

Von Michael Harnischfeger

Die neuen Bi-Fuel-Modelle von Volvo machen das möglich.

Volvo Fahrbericht Volvo S 80 Bi-Fuel

Schwedisches Gaswerk auf Rädern

(Foto: Foto: Volvo)

"Die gesicherten Erdölreserven reichen aus heutiger Sicht noch 42 Jahre. Bei Erdgas sind es 65 Jahr", sagt Dipl.-Ing. Jörg Lober, beim deutschen Volvo-Importeur Fachmann für Umwelt-Themen und damit für alternative Antriebe.

Alternative Antriebe, das heißt bei Volvo in erster Linie Gas, denn die mit Wasserstoff gespeiste Brennstoffzelle löst vielleicht Umwelt- und Energieprobleme der Zukunft. Doch bis dahin muss, so Lober, ein Zwischenschritt erfolgen: Erdgas.

Erdgas ist kein neues Thema für die Schweden

Schon beim V 70 der vergangenen Generation war Erdgasantrieb möglich, nun haben die Schweden gleich zwei Autos im Programm: den neuen V 70 Kombi und den S 80, die große Limousine.

Beide tragen den Namen Bi-Fuel, der signalisiert, dass zweierlei Kraftstoff (Fuel) in den Tank darf. Die Symbiose hat ihren Grund ausschließlich darin, dass das Netz an Erdgas-Tankstellen alles andere als flächendeckend ist.

Um dem Fahrer also eine normale Mobilität zu ermöglichen, kann per Knopfdruck von Gas- auf Benzinbetrieb umgeschaltet werden. Das geht völlig unspektakulär und ganz ohne Ruck. Ist der Gastank leer, schaltet das Auto auch selbstständig um. Selbst bei Höchsttempo ist von dem Wechsel nichts zu merken. Hausaufgaben gut gemacht? Ja, eindeutig, kann man antworten.

Das Schöne an der neuen Generation der Volvo-Bi-Fuel-Reihe, die von Mitte 2002 an auch eine Limousine des Typs S 60 umfasst: Ein neues Konzept vermeidet jene störenden Innenraumverluste, die beim alten V 70 den Kombi-Gedanken nach Absurdistan führten.

Bei diesem Modell lag der zusätzliche Gastank nämlich noch als dicke Wurst hinter den Rücksitzlehnen, die, kurios gerade in einem Kombi, nicht klappbar waren. Wozu aber auch? Schließlich ließ sich der Tank eben nicht wegklappen, sondern machte sich im auf Kleinwagen-Format geschrumpften Kofferraum breit.

Nun hat Volvo die Gastanks geschickt in die Bodengruppe integriert: Ein großer mit 75 Liter Volumen liegt direkt hinter der Hinterachse, zwei kleinere mit jeweils 12,5 Liter Volumen davor. Der Einfüllstutzen sitzt neben dem des 30 Liter fassenden Benzintanks, der sich in der Reserveradmulde breit macht.

Der Tankvorgang dauert nur vier Minuten

Angst vor einem Crash braucht niemand zu haben, sagt Peter Boisen von der Volvo Car Company in Schweden: In 25 Crashtests habe dieses Layout seine absolute Sicherheit unter Beweis gestellt, zudem benötige Erdgas zur Zündung 550 Grad Celsius.

Fährt man alle vier Tanks leer, ergibt sich auf Basis des EG-Normverbrauchs eine Gesamtreichweite von rund 600 Kilometern; allein mit Gas sind es rund 280 bis 300 Kilometer.

Das Schöne daran: Im Erdgas-Betrieb sinkt nicht nur der Ausstoß des als Treibhaus-Gas berüchtigten Kohlendioxids (CO2), sondern auch die Emission aller anderen schädlichen Substanzen geht zurück. Wer im Bi-Fuel Gas gibt, kann dies also mit sauberem Umwelt-Gewissen tun.

Sparen tut er obendrein. Denn die Bundesregierung hat die Steuer auf Erdgas bis ins Jahr 2009 auf einem nutzerfreundlich niedrigen Niveau festgeschrieben. Mit Erdgas sinken die Kraftstoffkosten um etwa 50 Prozent.

Ein Volvo S 80 Bi-Fuel, so Jörg Lober, rechnet sich daher bei dreijähriger Haltedauer schon nach 11.200 Kilometern pro Jahr - wahrscheinlich schon viel früher: Denn nicht wenige Gasversorger subventionieren den Kauf eines Gas-Autos mit kräftigen Zuschüssen bis maximal 5000 Mark.

In etwa so hoch ist der Mehrpreis der Bi-Fuel-Modelle gegenüber einem reinen Benziner-Modell mit 140 PS, doch in diesem Aufpreis enthalten sind auch Aluräder und eine automatische Niveauregulierung.

Macht es auch Spaß?

Genau so viel Spaß wie am Steuer eines 140 PS starken S80 2.4, lautet die Antwort nach ausgedehnter Testfahrt. Ein Reißer ist der Motor nicht, und bei höheren Drehzahlen schickt er nicht unmelodiöses Fünfzylinder-Brummen in den zum Räkeln einladenden Innenraum.

Theoretisch soll Erdgas für eine weichere Verbrennung und damit ein geringeres Laufgeräusch sorgen, doch davon ist ebenso wenig zu merken wie von der veränderten Leistungsabgabe: PS- und Drehmoment-Maximum stehen mit Gas erst bei höheren Drehzahlen zur Verfügung, der Drehmoment-Höchstwert sinkt zudem von 220 auf 192 Newtonmeter. Alles ist ganz normal, unaufgeregt bis zur Höchstgeschwindigkeit von mehr als 200 km/h.

Was spricht also gegen ein Erdgas-Auto? Eigentlich nichts. Außer dem fraglichen Widerverkaufswert vielleicht. Doch darum braucht man sich zumindest momentan keine Gedanken zu machen: "Die Nachfrage nach gebrauchten Erdgas-Autos übersteigt das Angebot deutlich", weiß Birgit Maria Wöber, engagierte Betreiberin der Web-Site www.gibgas.de. Angesichts der Preisentwicklung bei Benzin und Diesel dürfte sich daran künftig wenig ändern.

Dafür tut sich was auf der Tankstellen-Karte: Nahezu täglich eröffnet in der Republik eine neue Gas-Zapfsäule. Für Birgit Maria Wöber ist der Fall klar: "Die Autoindustrie hat ihre Hausaufgaben gemacht. Man kann Erdgas-Autos kaufen. Das sollten nun möglichst viele tun und Druck auf ihren Erdgas-Versorger machen: Baut Tankstellen!"

Klar: Wo Nachfrage ist, wächst auch das Angebot.

Quelle: autocert.de