Elektromobilität Ein Professor führt die deutsche Autoindustrie vor

Der Ego-Mover soll entweder 15 Personen oder Waren transportieren - vollkommen elektrisch.

(Foto: dpa)

An der Uni entwickelte Günther Schuh einen elektrischen Kleintransporter für die Stadt. Und verkaufte ihn an die Post. Jetzt will er mit einem E-Bus den großen Automarken Konkurrenz machen.

Von Stefan Mayr, Friedrichshafen

Schon einmal hat Günther Schuh die deutsche Autoindustrie vorgeführt - mit seinem Streetscooter. Der selbstentwickelte und selbstproduzierte elektrische Kleintransporter flitzt meist in gelber Lackierung durch deutsche Städte, die Postboten benutzen die Kastenwagen zur umweltfreundlichen Briefzustellung. Nun plant Schuh, der im Hauptberuf Professor an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen ist, sein nächstes Ärgernis für die etablierten Hersteller: Einen batteriebetriebenen Stadttransporter, der entweder 15 Personen oder jede Menge Fracht lautlos durch die City fahren kann. Das Vehikel heißt Ego-Mover und sieht aus wie ein überdimensionaler Ziegelstein auf Rädern. Mit seinen senkrechten Außenwänden ist er zwar nicht besonders aerodynamisch, doch dafür hat das Gefährt unschlagbar viel Innenraum.

"Das ist die nötige Revolution für den Stadtverkehr", sagt der geschäftstüchtige Professor. "Unsere Städte haben ein Abgasproblem, das wir schnell lösen müssen." Sein Kleinbus sei die "logische" Antwort auf die Fragen, die die zunehmende Urbanisierung mit ihren Verkehrsproblemen aufwerfe. Um den Ego-Mover zu entwickeln, hat der 59-Jährige mit seiner Ego Mobile AG ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Friedrichshafener Autozulieferer ZF gegründet. Seine Firma hält mit 60 Prozent die Mehrheit an der Ego Moove GmbH. ZF liefert etwa die Hälfte aller Komponenten, darunter Sensoren und Prozessoren, die dem Wagen autonomes Fahren ermöglichen sollen.

Die Isetta kehrt zurück - als Elektroauto

Nicht BMW, sondern ein Vater-Sohn-Trio lässt den Kleinstwagen auferstehen. Die Geschichte des Microlino beginnt dramatisch, doch dank Enthusiasmus und Improvisationskunst geht er nun in Serie. Von Thomas Harloff mehr ...

Eine Million Fahrzeuge bis 2025

"Wir gehen mit dem Unternehmen an den Start, um eine führende Marktposition in diesem Segment des Personentransports zu erreichen", sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider bei einer gemeinsamen Präsentation am Dienstag in Friedrichshafen. Er geht davon aus, dass die Nachfrage nach derartigen Fahrzeugen für die überfüllten Stadtstraßen extrem ansteigen wird: Bis 2025 seien ihm zufolge weltweit eine Million solcher Fahrzeuge unterwegs. Andere Hersteller haben ähnliche Konzeptfahrzeuge vorgestellt; Volkswagen seinen Sedric, Daimler seinen Vision Van und Renault seinen EZ-Go.

Doch der selbstbewusste Professor und Manager Schuh glaubt, auch diesmal die große Konkurrenz ausstechen zu können: "Wir sind vielleicht nicht schneller, aber ein bisschen logischer." Die ersten Ego-Mover sollen schon 2019 in Aachen und Friedrichshafen fahren. Weitere 70 Städte aus Deutschland und dem Ausland seien interessiert, auch Unternehmen wollen die Fahrzeuge auf ihren Betriebshöfen testen. "Wir sind überrascht über so viel Nachfrage, zunächst können wir leider nur maximal 25 Städte beliefern."

Im Jahre 2020 sollen bereits bis zu 3500 Wagen gebaut werden

Derzeit zieht Schuh in Aachen eine neue Fabrik hoch. In ihr soll noch 2019 eine erste Kleinserie von 400 Fahrzeugen vom Band rollen. Danach plant Schuh einen massiven Ausbau der Produktion: 2020 will er bereits bis zu 3500 Wagen bauen. Im Jahr darauf sogar 15 000 Exemplare. Das klingt sportlich bis größenwahnsinnig. Doch Schuh hat mit seinem Streetscooter schon bewiesen, dass so etwas möglich ist: Aus dem Nichts - respektive einer universitären Forschungs- und Bastelwerkstatt - stellte er im Auftrag der Deutschen Post den Elektrotransporter Streetscooter auf die Straße. 2014 verkaufte er das Unternehmen an die Post. Diese stellt heute etwa 20 000 Fahrzeuge pro Jahr her, auch für externe Kunden wie Handwerksbetriebe oder Logistikunternehmen.

Ein Jahr nach dem Verkauf gründete Schuh, den sein Lehrstuhl für Produktionssystematik sowie das Amt des Prorektors nicht ausfüllten, sein neues Unternehmen Ego Mobile AG. Mit diesem bastelt er bereits am Markteintritt in China: Noch in diesem Jahr will er dort mindestens ein Joint Venture gründen. "Wir haben zwei Verträge fertig ausverhandelt", sagte er am Dienstag, am Mittwoch flog er nach China weiter.

70 km/h, zehn Stunden Reichweite

Die Basisvariante des Ego-Movers soll 60 000 Euro kosten, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 70 km/h und bis zu zehn Stunden Reichweite. Zunächst werden die Busse von konventionellen Fahrern gesteuert. Dabei werden sie aber Daten sammeln und diese in Künstliche-Intelligenz-Systeme von ZF einspeisen. So sollen die Autos baldmöglichst autonom fahren können. Mit diesem Konzept sei man "vielleicht nicht der erste" Wettbewerber, sagt Schuh, "aber der überzeugendste". Sein Ziel ist es, den Stadtwerken komplette Systeme mit Bussen und Smartphone- Apps zu verkaufen, die den öffentlichen Nahverkehr mit On-Demand-Angeboten ergänzen und respektive entlasten.

Nebenher wird Schuhs Autoschmiede Ende 2018 ihren elektrischen Kleinstwagen Ego Life auf den Markt bringen. Der spartanisch ausgestattete Viersitzer ist ab 15 900 Euro zu haben und hat bis zu 150 Kilometer Reichweite.

Moderne Städte müssen sich dem Intelligenztest stellen

Die Staus werden schlimmer, auch in deutschen Städten. Doch bei neuen Mobilitätskonzepten hinken sie hinterher. Helfen sollen ausgerechnet die Autohersteller und ihre Zulieferer. Von Joachim Becker mehr ...