Carpooling Mein Auto, dein Auto, kein Auto

Immer mehr junge Leute wollen das Ding mit vier Rädern zwar nutzen, aber nicht mehr kaufen. Sie wollen mitfahren, aber ohne Vollkasko-Police. Wohin geht die Reise? Das wüssten die Auto-Bosse gerne. Sie sind beunruhigt - und stellen bereits ihre alten Geschäftsmodelle infrage.

Von Thomas Fromm

Wenn sich Autokonzerne etwas kaufen, dann meistens: andere Autokonzerne. Sie tun das, um noch größer zu werden. Dass riesige Autokonzerne, die Milliarden verdienen, ihr Geld in Mitfahrzentralen investieren, war bisher nicht üblich. Warum sollten sie auch?

Die Leute sollen ja schließlich Autos kaufen und sich nicht zum Mitfahren in fremde Autos setzen. So dachte man sich das. Bis jetzt. Bis Daimler, der Milliarden-Konzern aus Stuttgart, sich Anteile an der größten Mitfahrzentrale in Europa besorgt hat: Carpooling. Vordergründig ein kleines Geschäft, acht Millionen Euro Kaufpreis, eigentlich nicht mal eine Fußnote in der Bilanz. Und doch eine Revolution. Weil sie zeigt, wie sehr sich die Autoindustrie gerade verändert, unterhalb der allgemeinen Wahrnehmungsschwelle.

Die großen Auto-Manager sind alarmiert. Sie lesen, was Zukunftsforscher und Soziologen seit Jahren schreiben: Immer mehr junge Leute wollen Autos zwar nutzen, aber nicht mehr kaufen. Sie wollen mitfahren, aber ohne Vollkasko-Police. Deshalb versuchen die Bosse zu verstehen, wohin die Reise geht.

Die Geschichte dieses seltsamen Kaufes beginnt an der Nymphenburger Straße in München. Genauer in einem Loftbüro, gleich hinter einem Biosupermarkt, an dem sich so viele Menschen am Tag treffen wie sonst an nur wenigen Orten der Welt. Hier, in einem Hinterhof, suchen sie sich. Lernen sich kennen. Verabreden sie sich. Tausende. Millionen. Auch Valentin und seine Mitfahrer Hannah und Steffen haben sich hier kennengelernt, aber das wissen sie natürlich gar nicht so genau. Denn wenn sich Menschen auf einer Internet-Plattform zum Mitfahren verabreden, interessiert es niemanden, wo der Server steht. Es ist ja auch egal. Ob in Mailand, München oder Mumbai.

Früher trafen sich Mitfahrer in der Mitfahrerzentrale. Jetzt, da es keine Mitfahrzentralen mehr gibt wie früher, treffen sie sich eben auf großen Computer-Servern.

Zwei, drei E-Mails, das Auto ist voll

Dieser also steht in München, und hier, in den Büros der Mitfahrzentrale Carpooling, wird alle sechs Sekunden eine Fahrt organisiert. Europaweit. Im Internet, mit Smartphones, in sozialen Netzwerken. Von Leuten, die auf grünen Designersofas sitzen und Spanisch, Italienisch und Englisch sprechen. Das geht dann so: Valentin, der Fahrer, postet sein Angebot. "Freue mich auf nette Mitfahrer", schreibt er auf den Seiten der Zentrale, denn Valentin mag keine unfreundlichen Leute, schon gar nicht in seinem Golf. Man muss es ja auch eine Weile zusammen aushalten. Dann geht es schnell. Zwei, drei E-Mails, das Auto ist voll. Es geht von München über Stuttgart nach Karlsruhe. Treffpunkt am nächsten Morgen um 10, München, Donnersbergerbrücke.

Wie Valentin aussieht, ob er jung ist oder alt - egal. Viel wichtiger ist: Valentin kommt in einem silberfarbenen Golf Kombi. So steht es auf der Internetseite von Carpooling. Drei Leute, ein Auto. Das sind, streng genommen, schon mal zwei Autos weniger. Doch dazu später mehr.

"Start-up" nannte man Unternehmen wie Carpooling.com früher. Heute ist die Firma mit Internetseiten wie mitfahrgelegenheit.de das größte Mitfahrportal Europas. Eine Art globaler Mini-Konzern mit 60 Mitarbeitern, die an die 750.000 Fahrangebote zeitgleich im Netz betreuen. "Unser Ziel ist: Die größte Mitfahrplattform der Welt zu sein", sagt Carpooling-Chef Markus Barnikel. Er erzählt davon, wie er Internet und Auto, neue Technologien und alternatives Fahren verbindet. Von einer Welt, in der irgendwann alles mit allem verknüpft sein wird. Auto, Bus, Bahn, Flugzeug, Fahrrad. "Integrierte Mobilität" nennen das die Verkehrsforscher.