5. Februar 2013, 11:21 Verkehrskreisel Insel des Zorns

Mit Dinosaurier-Skeletten, Schmiedearbeiten oder einer Storch-Figur schmücken viele Gemeinden in Baden-Württemberg ihre Verkehrskreisel. Nun haben Experten einige Kunstgegenstände als Verkehrgefährdung identifiziert. Das Ländle ist empört.

Von Roman Deininger, Stuttgart

Kunst im Kreisel - harmlos? Die Dekoration von Verkehrsinseln soll vielerorts als Verkehrsgefährdung eingestuft werden.

(Foto: DPA/DPAWEB)

Die Stadt Großbottwar trägt einen Storch im Wappen, schon auf Siegeln aus dem 15. Jahrhundert ist er zu sehen. Mit der Zeit ist den Großbottwarern ihr Hausvogel richtig ans Herz gewachsen: Als Zeichen ihrer Hochachtung haben sie am Ortseingang eine Storchenskulptur auf die Insel in der Mitte eines Kreisverkehrs gestellt. Weil Großbottwar nicht nur Storchenstadt, sondern auch Weinort ist, hält der Metallvogel ein Viertelesglas im Flügel.

Doch jetzt steht der Storch plötzlich auf der Roten Liste, in Großbottwar sagen sie: wurde zum Abschuss freigegeben durch herzlose Bürokraten in Brüssel und Stuttgart. Einen Protestmarsch hat es deshalb schon gegeben, die Gemeinderäte höchstselbst haben die Skulptur kürzlich aus purem Trotz blank gewienert. Und der Bürgermeister hat dem baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (Grüne) einen entrüsteten Klagebrief geschrieben.

Es ist nicht das einzige missvergnügte Schreiben, das Kretschmann dieser Tage erhalten dürfte. Der wohlhabende Südwesten ist mit mindestens 174 Werken die Hochburg der Kreiselkunst in Deutschland - und der grüne Verkehrsminister Winfried Hermann hat misslicherweise den Eindruck erweckt, er wolle just dieser Disziplin alsbald den Garaus machen. Seine Verkehrsexperten haben 54 Großplastiken bescheinigt, Autofahrer zu gefährden: in Eislingen etwa dem Skelett des einst dort ausgegrabenen Temnodontosaurus, in Küssaberg den überdimensionalen Schmiedearbeiten aus heimischen Werkstätten. Für die Experten sind das alles "starre Hindernisse". Für viele Menschen vor Ort sind es "Zeichen regionaler Identität". Küssaberg hat 5500 Einwohner, die Facebook-Gruppe für den Erhalt der lokalen Kreiselkunst 1300 Mitglieder.

Sicht und Fahrtweg dürfen nicht beeinträchtigt werden

Bereits 2008 hatte die EU in einer Verordnung festgeschrieben, dass Sicht und Fahrtweg von Verkehrsteilnehmern nicht beeinträchtigt werden dürfen. In vielen Ländern Europas entschloss man sich, die immerhin zum Schutz von Menschenleben gedachte Maßgabe erst mal herzhaft zu ignorieren. Die Stadt Paris ließ ausrichten, man werde weder den Arc de Triomphe abtragen noch den Obelisken auf dem Place de la Concorde fällen. Auch in Deutschland mühte sich niemand, bestehende Kreisverkehre zu überprüfen. In Nordrhein-Westfalen verweist das Verkehrsministerium auf Einzelfalllösungen, in Bayern gibt es ein "Merkblatt" zum Kreiselbau. Nur in Baden-Württemberg zimmerte die grün-rote Landesregierung einen grundsätzlichen "Kreisel-Erlass", der ihr jetzt um die Ohren fliegt. Oder eigentlich nur den Grünen: Die SPD ist gerade noch rechtzeitig unter die Storchen- und Saurierfreunde gegangen.

Verkehrsminister Hermann - ein Radfahrer, dem die Autofahrer im Land grundsätzlich jede Bosheit zutrauen - ist nun auf Beschwichtigungskurs. Betroffen seien ja nur Kreisverkehre außerorts, sagt er, im Übrigen seien manche Beamte bei der Umsetzung des Erlasses vielleicht wirklich ein wenig zu "eifrig". Das Regierungspräsidium Stuttgart hat den Abbau der Kreiselkunst fürs Erste gestoppt; man wolle warten, heißt es, bis im Ministerium Klarheit herrsche. An diesem Dienstag will Hermann dem Kabinett "ergänzende Anwendungshinweise" für den Erlass vorstellen.