18. Februar 2013 11:03 Oldtimerauktion in Palm Springs Heiratsmarkt für alte Schätzchen

Speed-Dating mit Sekt und Grillfleisch: Bei "McCormicks Car Auction" kommen 15 Autos pro Stunde unter den Hammer - aber nicht irgendwelche. Im Klopftakt des Zeremonienmeisters werden alte Lieben aufgewärmt und neue Beziehungen angebahnt.

Von Dani Heyne, Palm Springs

Ein Windstoß lässt die Wände des leeren Zeltes schwingen und weht jenen Duft herein, der die Bieter später in einen Kaufrausch versetzen soll. Der Duft kommt von einem geleckten 53er Jaguar XK 120 Roadster, der sich auf dem fußballfeldgroßen Parkplatz warm läuft. Er ist nicht allein hier in Palm Springs, Kalifornien: Eine Gruppe luftgekühlter Neunelfer wird gewienert - drei frühe Corvettes und mehrere alte Ford Pick-ups schauen zu. Ein delikates 52er Studebacker Starlight Coupé rollt vom Anhänger während ein Schild die Oldtimer-Enthusiasten begrüßt: "Welcome to McCormicks Car Auction".

Klassische Autoversteigerungen wie diese sind durch das Internet so selten geworden wie handgeschriebene Briefe. Natürlich ist das Bieten hinter Bildschirmen bequem - allerding kaum emotionaler als das Öffnen einer Word-Datei. Wer einmal eine echte Autoversteigerung besucht hat, weiß wie charmant, aufregend und mitreißend es ist, wenn Autos unter den Hammer kommen. Vor allem hier, in der kalifornischen Oase. Die Stadt wirkt wie eine Filmkulisse aus den Siebzigern, alle Häuser sind auf Mid Century Modern getrimmt und stehen flach und breit vor nierenförmigen Pools. Palmen, Dekoläden und kleine Cafés säumen die Straßen, Berge die Stadtgrenzen.

Wer hier ankommt, scheint es geschafft zu haben. Sogar die Sonne besucht Palm Springs nachweislich öfter als alle anderen Orte in Kalifornien. Kein Wunder also, dass hier reichlich Promis und gut situierte Altsemester den Herbst ihres Lebens genießen. Viele von ihnen haben mehrere Autos und noch immer Platz in der Garage. Sie lieben die McCormick Car Auction, die seit mehr als 50 Jahren zweimal pro Jahr stattfindet. Vince Davie hat extra sein 69er Mustang Cabrio entstaubt, um stilecht vorzufahren. "Drei Tage dauert das Spektakel - drei wundervolle Tage", schwärmt er, als wir ihn an einem Chevy Chevelle treffen.

Vom Cabrio bis zum Bus findet jeder Liebhaber ein passendes Modell.

Bis Freitagvormittag füllt sich der Parkplatz mit Limousinen, Coupés, Pick-ups und Hot Rods - 520 Modelle werden es am Ende sein, sie reihen sich fein säuberlich auf, mit Kurzbeschreibung und Angebotsnummer, und sollen bis Sonntagabend versteigert werden. Einige kommen direkt vom McCormick-Team, das ein Autohaus betreibt, die Mehrzahl wird auf Kommission angeboten. Bei rund einem Drittel sitzen die Verkäufer direkt nebenan im Klappstuhl, breiten Bildbände über Restaurationen aus und zeigen originale Handbücher. Es wird gemütlich über PS, Übersetzung und Ausstattungen geplauscht; Status oder Kontostand spielen dabei keine Rolle.

Doch der ruhige Auftakt trügt. Kurz nach Mittag pustet einer der Moderatoren zum ersten Mal ins Mikrofon, lockt die Bieter mit Scherzen über das Wetter und Preise ins große Zelt.

Spektakuläre Oldtimerauktionen sind im Internet-Zeitaler selten geworden.

Jetzt geht es los, die Show kann beginnen: In kurzer Zeit sind die hundertfünfzig weißen Plastikstühle besetzt. Küsschen hier, Kichern da. Wer noch in letzter Minute mitsteigern möchte, kann sich rechts bei drei freundlichen Damen für 15 Dollar registrieren lassen. Daneben hat der Außendienstler einer Bank seinen Platz eingenommen - Blitzkredit zu Topkonditionen gebraucht? Hierher! Am Nachbartisch breitet ein Spediteur seine Flyer aus.

Zum Warm-up wird Sprit gereicht. Kostenloser Champagner in Plastikbechern soll die Zurückhaltung hinunterspülen. Im hinteren Teil des Zeltes brutzelt Burgerfleisch. Die Stimmung ist ausgelassen, ein Fest unter Autofreunden auf 2500 Umdrehungen. Und dann schaltet sich der Turbo ein - Nick, ein offensichtlich bekannter Moderator, springt auf die Bühne und winkt das erste Auto herein, einen 78er Ford Ranchero GT. "Was zum warm werden", ruft er in die Runde. Männer jeden Alters weiten die Augen, einige nehmen zum ersten Mal die Sonnenbrille ab. Die Frauen fächeln sich Luft zu, während es ihre Gatten nicht mehr auf den Stühlen hält. Einige stehen, andere laufen nach vorn, um einen Blick unter die Haube zu erhaschen. All das ist erlaubt, all das gehört zum Spiel.

Zwei Minuten wirft Nick, der Moderator, locker Zahlen in die Luft, - Leistung, Beschleunigung, Anzahl der Vorbesitzer -, dann zieht er das Tempo an. Der Auktionator verfällt in eine Art Sprechgesang. Er schnalzt mit der Zunge, dehnt die Vokale. Er verbindet Wörter nahtlos mit Zahlen, lässt keine Pausen. Wann immer er neue Gebote wiederholt, sind sie fast nicht zu verstehen. Zumindest für Frischlinge, die sich fragend umblicken. Vince, der schon ein paar Mal dabei war, flüstert "Er ist bei 3600." Und fügt grinsend hinzu: "Glaub' ich zumindest." Zehn Sekunden später brüllt der Moderator 4500 Dollar, schaut prüfend in die große Runde und klopft dreimal mit dem Hammer. Verkauft! Dann wiederholt er das Wort, diesmal als Frage formuliert: Verkauft? Ein prüfender Blick zum aktuellen Besitzer - der nickt, damit ist sein Ford weg. Und das McCormick-Team hat sich die erste Provision verdient.

Keine Minute später parkt der zweite Wagen vor den Gästen, ein dezent tiefergelegter Karmann Ghia, Erstzulassung 1968. Zwei ältere Männer in knallbuntenHaiwaiihemden rutschen aufgeregt auf ihren Stühlen hin und her, Nick singt seine Zahlen ins Mikrofon, Hände schnellen nach oben, der Preis klettert. Dann plötzlich springt eine Blondine Mitte zwanzig auf, läuft nach vorn, bietet mit, erobert das Herz der Konkurrenz und erhält den Zuschlag bei 7250 Dollar. Jubel. Der Nächste bitte.

Auto-Party läuft auf Hochtouren

Auktionen im Stakkato: Der Mann am Mikro macht den Takt.

Mittlerweile läuft die Auto-Party auf Hochtouren. Im Stakkato kommen pro Stunde rund fünfzehn Autos unter den Hammer. Der Mann mit dem Hammer redet seine Zuhörer in Stimmung, als wenn er ein Pferd zureiten würde. Die Stimmung ist erfrischend, auch wenn heute nur Häppchen gereicht werden. Samstag und Sonntag stehen Delikatessen wie ein perfekt restaurierter VW T1 Sambabus, ein DeLorean-Filmauto aus dem Streifen "Zurück in die Zukunft" sowie diverse alte Ferrari-, Mustang-, Chevy- und Jaguar-Modelle im Programmheft, das überall ausliegt. Wer nur zuschauen möchte, ist herzlich eingeladen. Freitags kostenlos, Samstag und Sonntag verlangt der Veranstalter Eintritt.

Viertel nach acht ist von der Sonne nicht mehr viel zu sehen, Nummer 99 fährt gerade ins Zelt: ein Oldsmobile Dynamic von 1961. "Jetzt ist die beste Schnäppchenzeit", erklärt Vince. Denn die ersten Besucher würden jetzt den Abend bereits in einem der Restaurants ausklingen lassen, andere stehen draußen auf dem Parkplatz und bestaunen ihre Neuanschaffung. 20 Autos hat der Moderator noch auf dem Zettel, seine Stimme klingt frisch wie vor sieben Stunden, sein Elan ist begeisternd. Mit dem Oldsmobile Dynamic hat er trotzdem kein Glück, das höchste Gebot liegt unter dem geforderten Mindestpreis. Oldies, die das Verkaufsziel nicht auf Anhieb erreichen, parken für den Rest des Auktionswochenendes auf dem Parkplatz. Mit ihrem "Noch zu haben"-Etikett halten sie die Spannung bis zur letzten Minute hoch. Auch wenn das Zelt schon längst wieder leer ist.