bedeckt München
vgwortpixel

Winterschlaf:Das große Schlummern

Fast könnte man sie beneiden: Wenn es kalt und nass wird, verabschieden sich viele Tiere in den Winterschlaf. Hilfe brauchen sie dabei nicht, der Mensch stört meistens nur.

Überleben ist das einzige Ziel, das Wildtiere verfolgen, wenn die Tage kürzer und kälter werden. Da scheint es eine bequeme Lösung zu sein, den harten Winter einfach zu verschlafen. Doch wenn sich Igel, Feldhamster und Co nun allmählich in den Winterschlaf oder in die Winterruhe begeben, steckt dahinter eine körperliche Meisterleistung. Die Tiere fahren sämtliche Körperfunktionen wie Herzschlag und Atemfrequenz auf ein Minimum herunter, um die Kälte und Nahrungsknappheit zu überstehen. Zuvor müssen sie sich ein dickes Fettpolster oder Futtervorräte zulegen, um davon zehren zu können.

Schlaf gut: Auch Igel sollte man beim Winterschlaf nicht stören

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Die einzelnen Arten schlafen oder ruhen unterschiedlich lang. Igel schlafen etwa vier Monate lang, Murmeltiere sechs und Siebenschläfer ganz dem Namen nach sieben Monate. Nicht immer läuft dabei alles glatt. Dass die Tiere manchmal aus dem Winterschlaf erwachen, um sich zu erleichtern oder umzubetten, ist normal. Wenn Spaziergängern aber zur kalten Jahreszeit ein Igel über den Weg läuft, kann das darauf hindeuten, dass dieser möglicherweise noch nicht genug Fettreserven hat, oder er ist verfrüht erwacht. Dennoch empfiehlt es sich in aller Regel nicht, einen schwächelnden Igel zu Hause aufzupäppeln, auch wenn die Versuchung groß ist.

"Wilde Tiere selbst durchzubringen ist nicht so leicht, wie sich das viele Menschen vorstellen. Igel fressen fast ausschließlich Insekten und Weichtiere und werden von ihren vermeintlichen Rettern meist falsch gefüttert, beispielsweise mit Milch und Obst", erklärt Eva Goris, Pressesprecherin der Deutschen Wildtier Stiftung. Außerdem fühlten sich Wildtieren durch Menschen immer bedroht, was zusätzlichen Stress für sie bedeute. "Im Zweifel sollte man Igel lieber draußen lassen", sagt auch Julian Heiermann vom Nabu-Bundesverband. "Wenn das Tier aber klein und hager und offensichtlich in Lebensgefahr ist, sollte man es zum Tierarzt oder in eine Auffangstation bringen", empfiehlt der Zoologe. Bis Mitte November sei es allerdings nicht ungewöhnlich, noch Igel anzutreffen. Dann sollte ein junger Igel mindestens 500 Gramm wiegen, um den Winter überstehen zu können.

Im Gegensatz zu Igeln bleiben Fledermäuse meist unbemerkt, obwohl sie in ihren Höhlen sehr empfindlich auf Störungen ihres Winterschlafs reagieren. Ein entsprechender Passus im Naturschutzgesetz verbietet es daher "Höhlen, Stollen, Erdkeller oder ähnliche Räume, die als Winterquartier von Fledermäusen dienen, in der Zeit vom 1. Oktober bis zum 31. März aufzusuchen".

Auch Tiere, die nicht schlafen, verfallen in einen Energiesparmodus. Biber und Dachse beispielsweise halten Winterruhe. Dabei sinkt die Körpertemperatur der Tiere - anders als beim Winterschlaf - nur leicht. Die Herzfrequenz vermindert sich hingegen deutlich. Während der Winterruhe verlassen die Tiere ihre Bauten und Höhlen hin und wieder, um auf Nahrungssuche zu gehen. Eichhörnchen bedienen sich an zuvor angelegten Vorräten. Hirsche und Rehe halten zwar weder Winterschlaf noch -ruhe, können aber ebenfalls ihre Körperfunktionen einschränken. Aufnahmen mit Wärmebildkameras haben gezeigt, dass Hirsche bei Kälte still in der Landschaft stehen und ihre Körpertemperatur deutlich senken. Nur die wichtigsten Organe werden warm gehalten. "Spaziergänger sollten daher auf den Wegen bleiben, um eine Fluchtsituation zu vermeiden", mahnt Goris. Den Stoffwechsel hochzufahren verbrauche viel Energie, die die Hirsche hinterher kaum wieder einholen können, weil ihre bevorzugte Nahrung im Winter knapp sei. In der Folge würden die Hirsche Baumrinde fressen, was dem Wald schade.

Auch das Wetter kann den Tieren das Überwintern erschweren. Kältewellen stecken sie dabei gewöhnlich gut weg. Wechselwarme Tiere wie Reptilien, Amphibien und Insekten verfallen in eine Kältestarre, wobei ihr Körper die Umgebungstemperatur annimmt und sie keinerlei Nahrung aufnehmen.

Diese Tiere sind bei Kälte im Vorteilgegenüber Warmblütern. "Im Innern der Tiere setzen Glyzerinverbindungen den Gefrierpunkt der Körperflüssigkeiten herab. Sie wirken sozusagen als natürliches Frostschutzmittel", sagt Julian Heiermann vom Nabu-Bundesverband. Säugetieren droht bei längeren Kältewellen hingegen der Erfrierungstod. Allerdings haben sie die Chance aufzuwachen und sich einen besseren Platz zu suchen. Bei Fledermäusen hat man beobachtet, dass diese bei großer Kälte aufwachen und sich weiter ins Innere ihrer Höhle zurückziehen.

Ungewöhnlich hohe Temperaturen im Winter können die schlummernden Tiere ebenfalls wecken. "Vor drei Jahren hat der Nabu im Januar eine Krötenwanderung beobachtet", erinnert sich Heiermann. Auch Säugetiere erwachen mitunter zu früh und können sich dann nicht mehr rechtzeitig auf einen neuerlichen Kälteeinbruch einstellen. Damit zumindest die Menschen die Tiere nicht wecken und das große Erwachen planmäßig im Frühling erfolgt, appelliert die Wildtier-Stiftung, Rücksicht auf die Winterschläfer zu nehmen: Man solle im Garten ruhig ein bisschen Laub liegen lassen, wo etwa Grasfrösche unterschlüpfen können. Auch Steinhaufen und Holzstapel können den Tieren als Winterquartiere dienen.