Welternährung:Auf den Feldern wächst zu wenig

Die Hauptursache für das wachsende Hungerproblem in der Welt sind zu geringe Ertragssteigerung in der Landwirtschaft und Versäumnisse in der Forschung. Experten fordern deshalb mehr Ausgaben für die Entwicklung ertragreicheren Saatguts und bessere Anbaumethoden.

Silvia Liebrich

Zu geringe Ertragssteigerung in der Landwirtschaft und Versäumnisse in der Forschung sind die Hauptursache für das wachsende Hungerproblem in der Welt.

Welternährung: Viele Kleinbauern in Entwicklungsländern, wie hier auf den Philippinen, bauen gerade so viel Reis oder Getreide an, wie ihre Familie verzehrt.

Viele Kleinbauern in Entwicklungsländern, wie hier auf den Philippinen, bauen gerade so viel Reis oder Getreide an, wie ihre Familie verzehrt.

(Foto: Foto: Reuters)

Darauf wiesen Experten vor Beginn des Welternährungsgipfels in Rom hin. Die zunehmende Knappheit an Getreide oder anderen Grundnahrungsmitteln sei nicht allein der höheren Nachfrage nach Biokraftstoffen oder extremen Wetterbedingungen zuzuschreiben, betonte Lennart Bage, Präsident des Internationalen Fonds für Landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD), eine Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN).

" Die aktuelle Krise ist vor allem entstanden, weil die Produktivität im Agrarsektor kaum noch wächst", kritisierte er.

Ausgaben für Forschung und Entwicklung zurückgegangen

Tatsächlich sind die Ausgaben für Forschung und Entwicklung, etwa für ertragreicheres Saatgut und nachhaltige Anbaumethoden, in den vergangenen drei Jahrzehnten dramatisch zurückgegangen. Die Weltbank und auch die reichen Industrieländer haben ihre Beihilfen für diesen Bereich deutlich zurückgefahren - seit Anfang der achtziger Jahre um mehr als 50 Prozent.

Mit dem Ergebnis, dass die Erträge auf den Äckern weltweit pro Jahr nur noch durchschnittlich um ein Prozent steigen. Noch vor 30 Jahren hatte diese Quote bei Getreide bei deutlich über vier Prozent gelegen. Die Folge war damals eine Überproduktion, die die Preise für Agrarerzeugnisse beinahe ins Bodenlose fallen ließ.

In Europa wurden Milch, Butter und Getreide im großen Stil vernichtet, um das Preisgefüge zumindest auf niedrigem Niveau zu stabilisieren. Investitionen in ertragreichere Saatgutsorten und Anbaumethoden wurden so uninteressant.

Diese Investitionslücke rächt sich nun. Mit dem Aufschwung in China und Indien hat auch die Nachfrage nach hochwertigen Nahrungsmitteln deutlich angezogen. Weil seit sieben Jahren rund um den Globus mehr Agrarrohstoffe verbraucht als produziert werden, sind die Nahrungsmittelreserven inzwischen auf den niedrigsten Stand seit knapp 30 Jahren gefallen und die Preise nach oben geschossen.

Geschieht nichts, dann wird die Ertragskraft der Landwirtschaft nach Einschätzung von Wissenschaftlern bis 2014 weiter sinken, auf nur noch 0,8 Prozent - mit verheerenden Auswirkungen für die Ernährungssituation, denn der Bedarf wird weiter steigen. Schon jetzt gelten mehr als 800 Millionen Menschen auf dieser Erde als unterernährt.

Auch die Politik hat das Problem inzwischen erkannt. "Die Welt braucht eine zweite grüne Revolution", forderte vor kurzem Indiens Premierminister Manmohan Singh. Er spielte damit auf die Produktivitätsfortschritte in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts an. Mit gezielten Züchtungen und Monokulturen wurden damals die landwirtschaftlichen Erträge in kürzester Zeit erheblich gesteigert.

Wie dieser Erfolg nun wiederholt werden könnte, darüber wird derzeit heftig debattiert. Während die USA und auch einige Länder in Südamerika auf Gentechnologie setzen werden, steht man dieser Methode in Europa eher skeptisch gegenüber. Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter (BDP) fordert vor diesem Hintergrund ein internationales Forschungsbündnis, das es bislang so nicht gibt. "Wir könnten erhebliche Fortschritte im Agrarsektor erzielen, wenn wir gezielt Forschungskapazitäten in allen Anbauländern aufbauen", ergänzte er.

© SZ vom 03.06.2008/mcs
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