Vulkanausbruch:Asche über Europa

Vulkanausbruch: Der Eyjafjallajökull ist der sechstgrößte Gletscher Islands. Unter ihm schlummert der gleichnamige Vulkan, der zuletzt im Frühjahr 2010 ausbrach.

Der Eyjafjallajökull ist der sechstgrößte Gletscher Islands. Unter ihm schlummert der gleichnamige Vulkan, der zuletzt im Frühjahr 2010 ausbrach.

(Foto: Bernhard Edmaier)

Vor zehn Jahren brach der isländische Vulkan Eyjafjöll aus, eine Aschewolke legte wochenlang die Luftfahrt lahm. Die Naturkatastrophe hat auch geholfen, das Fliegen sicherer zu machen.

Von Angelika Jung-Hüttl

Bis zu 9000 Meter hoch in die Atmosphäre schossen die Aschewolken beim Ausbruch des Eyjafjöll auf Island im Frühjahr vor zehn Jahren. Sein Auswurf verteilte sich zuerst über ganz Europa, später über Russland hinweg und über den Atlantik nach Nordamerika - und behinderte über Wochen den internationalen Flugverkehr auf der Nordhalbkugel.

Weil die Ausbruchsstelle - eine zwei Kilometer lange Spalte am Gipfel des Vulkans - von einem bis zu 200 Meter dicken Gletscher überdeckt war, bildeten sich bei dieser Eruption enorme Mengen Schmelzwasser. Ein Teil davon brach in Flutwellen unter dem Eis am Fuß des Vulkans hervor. Wo das Schmelzwasser mit der über 1000 Grad Celsius heißen Lava in Kontakt kam, verdampfte es schlagartig. "Wir sprechen von phreatomagmatischen Explosionen, bei denen die glühende Schmelze in feinste Partikel zerrissen wird", erinnert sich Joachim Wassermann, Geophysiker an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Eine über Wochen stabile Wetterlage mit anhaltende Nordwinden sorgte dafür, dass sich die Asche über längere Zeit so weit in der Atmosphäre ausbreiten konnte, je feiner die Partikel, desto weiter."

Kaum ein Vulkanausbruch hat die Luftfahrt so sehr durcheinandergewirbelt wie der des Eyjafjöll 2010. Rund hunderttausend Flüge wurden gestrichen, Millionen Passagiere saßen tagelang fest. Der wirtschaftliche Schaden lag bei über einer Milliarde Euro. Denn man konnte die Gefährlichkeit von Vulkanasche für Flugzeuge nicht bemessen. Es gab keine Grenzwerte für Vulkanasche und somit kein Warnsystem für die Luftfahrt. "Deshalb herrschte eine Null-Toleranz-Strategie", sagt Wassermann.

Fein verteilte Vulkanasche ist auch bei klarem Himmel oft nur als leichter grauer Schleier oder gar nicht sichtbar. Bis 2010 existierten lediglich etwa 100 Erfahrungsberichte - wie der vom 24. Juni 1982. An diesem Tag geriet eine Boeing 747 in knapp 12 000 Metern Höhe in die Ausläufer einer Aschewolke aus dem Schlot des Galunggung auf der indonesischen Insel Java. Alle Triebwerke fielen aus, die Maschine drohte abzustürzen. Erst in 4600 Metern, nach einer Viertelstunde Sinkflug, gelang es den Piloten, die Triebwerke wieder zu starten und die Maschine in Jakarta zu landen.

Satelliten vermessen Vulkanasche heute genauestens, so können Piloten schnell reagieren

Ursache für den Ausfall: Die Ascheteilchen waren bei den hohen Temperaturen in den Triebwerken geschmolzen und hatten sich auf den Turbinenschaufeln niedergeschlagen. Das Durchströmvolumen wurde dadurch um etwa zehn Prozent vermindert, was in der dünnen Höhenluft ausreichte, um die Triebwerke zum Stehen zu bringen. Erst in geringerer Höhe, wo die Luft wieder "dicker" ist, konnten sie wieder gestartet werden. Dazu kommt, dass die scharfkantigen Aschepartikel die Scheiben der Flugzeuge abschmirgeln und trüben können, was den Piloten die Sicht nimmt. Auch außen am Flugzeug montierte Sensoren können dadurch ausfallen.

Der Eyjafjöll-Ausbruch hat geholfen, die Unsicherheiten zu beseitigen. Bald danach wurden internationale Grenzwerte und Maßnahmenkataloge für vulkanische Aschewolken beschlossen. "Anhand von Satellitenbeobachtungen und bodengestützten Messungen werden Lagebilder der Aschewolken erstellt", sagt Hartmut Fricke vom Institut für Luftfahrt und Logistik an der TU Dresden. Die Informationen werden anschließend an die Fluggesellschaften und Piloten weitergegeben. Bis heute konnte jedes Verkehrsflugzeug, das in eine Wolke aus Vulkanasche geriet, die technischen Ausfälle abfangen und sicher landen.

© SZ vom 05.05.2020/hmw
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