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Verunreinigung von Saatgut:Genmais für alle

Die Verbraucher stehen der fortschreitenden Verunreinigung von Saatgut mit Samen gentechnisch veränderter Pflanzen machtlos gegenüber.

Martin Kotynek

Die Biologie ist unberechenbar, sie hält sich nicht an Vorschriften und Gesetze der Politiker, sie kümmert sich nicht darum, ob eine gentechnisch veränderte Sorte in dem einen Land angebaut werden darf, im anderen aber nicht. Egal wie sorgfältig der Mensch mit Gentechnik umgeht- die Biologie wird seine Annahmen und Planungen immer durcheinanderbringen.

Genmais in sieben Bundeslaendern illegal ausgesaet

Der Fund von verunreinigtem Mais-Saatgut zeigt deutlich, wie machtlos die Konsumenten sind.

(Foto: ddp)

Genau das ist nun bei jenem Saatgut geschehen, das angeblich mit gentechnisch veränderten Maiskörnern verunreinigt wurde. Allen Vorsichtsmaßnahmen zum Trotz und ohne es zu wissen, haben etwa hundert Bauern in sieben Bundesländern verbotenen Genmais angebaut - ein Problem, an das sich die Verbraucher in ganz Europa gewöhnen müssen.

Die Ungewissheit hinsichtlich der Risiken der Gentechnik macht vielen Konsumenten Angst. Solange nicht einmal Experten ausschließen können, dass Genpflanzen dem Menschen womöglich schaden, wollen viele Verbraucher keine Produkte aus Genmais auf ihrem Teller haben.

Der Fund von verunreinigtem Saatgut zeigt nun aber deutlich, wie machtlos Konsumenten in Wahrheit sind. Auch wenn die Behörden die Körner diesmal gerade noch rechtzeitig entdeckt haben und der Mais an Biogas-Kraftwerke geliefert werden sollte, der Fall ist ein Warnsignal: Obwohl gentechnisch veränderter Mais in Deutschland nicht ausgesät werden darf, finden die Körner ihren Weg hierher - und das nicht zum ersten Mal.

Schon 2009 gab es in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz ähnliche Fälle. Und anderswo fanden sich Spuren von Gentechnik in Lebensmitteln, die sich nicht mehr zurückholen ließen. Die Verunreinigung von Saatgut ist ein Problem, das sich nur auf globaler Ebene lösen lässt - wenn überhaupt.

Entsprechend hilflos ist somit auch ein Vorschlag der EU-Kommission, der Mitte Juli öffentlich werden soll: Neue Genpflanzen sollen europaweit künftig leichter zugelassen werden können. Im Gegenzug sollen die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten den Anbau von Genpflanzen leichter verbieten können.

So will die EU-Kommission die Pattsituation lösen, die seit Jahren Entscheidungen in der Gentechnik nahezu unmöglich macht. Auf den ersten Blick klingt das für Umweltschützer gut, hätten skeptische Länder doch eine größere Freiheit, Sorten zu verbieten.

Stimmen die Mitgliedsstaaten und das Europaparlament dem Vorschlag zu, werden aber einige europäische Länder, darunter Spanien, Tschechien und die Niederlande, mehr gentechnisch veränderte Pflanzen anbauen. Je näher die Genpflanzen den Grenzen kommen, desto eher werden sie auch auf deutschen Feldern landen - und damit auf deutschen Tellern.

Mehr Gentechnik in Europa ist aber nicht nur wegen ungeklärter Gesundheitsrisiken bedenklich. Die Pflanzen produzieren Gifte, mit denen sie Schädlinge in Schach halten, oder enthalten Gene, die sie gegen Pestizide immun machen. Niemand weiß, was geschieht, wenn die gentechnisch veränderten Sorten sich mit anderen Pflanzen kreuzen und die künstlich eingebauten Gene sich somit in der Umwelt unkontrolliert vermehren.

Hinzu kommt, dass eine stärkere Verbreitung von Genpflanzen ein System der Landwirtschaft zementiert, das die Umwelt belastet. Es ist ein industrielles System, das auf immer höhere Erträge ausgerichtet ist, dabei aber in vielen Fällen die Böden auslaugt, der Artenvielfalt schadet, das Grundwasser belastet und auch noch zum Klimawandel beiträgt. Statt mit umweltfreundlichen Methoden Schädlinge vom Acker zu verdrängen, macht es die Gentechnik scheinbar möglich, die Biologie auszutricksen.

Doch was irgendwo auf der Welt einmal in die Umwelt gelangt ist, lässt sich nur noch schwer wieder zurückholen. Auch die Deutschen müssen sich darauf einstellen, dass sie Gentechnik serviert bekommen, ob sie hier nun zugelassen ist oder nicht.

© SZ vom 08.06.2010/mcs
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