Trend zum Familienstammbaum:Opa war ein Henker

Das Gestrüpp der Familiengeschichte zu durchdringen - es wäre heute undenkbar ohne das Internet. Der Aufschwung der Genealogie hängt wohl vor allem mit den faszinierenden Möglichkeiten der Online-Welt zusammen. Jeder, der nur seinen Familiennamen bei Google eingibt, stößt sofort auf Spuren, Verweise, Querverbindungen.

Boom durch Online-Recherche

Ungezählte Genealogie-Seiten bieten dem Hobbyforscher die Möglichkeit, seinen eigenen virtuellen Stammbaum anzulegen, ihn mit Fotos und Geschichten anzureichern - und mit potentiellen Verwandten in Kontakt zu treten, per E-Mail natürlich: "Hallo, ich heiße auch Oberhuber. Bitte mailen Sie mir doch die Namen und das Geburtsdatum Ihrer Großeltern. Vielleicht sind wir ja verwandt!"

Wer sich auf diese Art auf die Suche nach der Vergangenheit macht, verliert sich schnell im Dickicht. Obskure Webseiten locken mit Dokumenten bis ins Mittelalter, garniert mit Bildern von Ritterrüstungen und Gedichten von Walther von der Vogelweide. Bei den meisten Anbietern landet man schnell im "kostenpflichtigen Premium-Bereich".

Hat die Suche beispielsweise ergeben, dass die Urgroßmutter um 1900 nach Amerika ausgewandert ist, gewährt die gut aufgestellte Genealogie-Software nach Wunsch sofort Einsicht in die Passagierlisten sämtlicher Ozeandampfer, die in jenen Jahren zwischen Hamburg und New York verkehrten. Das kostet knapp zehn Euro. Nicht allzu viel, aber dabei bleibt es ja meistens nicht: Wer bei der Passagierliste fündig geworden ist, recherchiert virtuell in New York weiter. Wer weiß, ob man nicht auf den reichen Onkel in Amerika stößt.

"Befriedigung eines detektivistischen Drangs"

Was bringt die Menschen dazu, unbedingt alles über ihre Herkunft wissen zu wollen? Und warum erfährt die private Ahnenforschung gerade jetzt einen Boom? Historiker Volker Jarren hat selbst festgestellt, dass die Möglichkeiten des Internets auch einen "detektivischen Drang" befriedigen: "Es ist so einfach, etwas zu erfahren. Früher musste man in eine fremde Stadt reisen, in Standesamtslisten suchen. Das fällt alles weg."

Neben diesem spielerischen Aspekt, so mutmaßt er, spiele vielleicht auch die moderne Lebensführung eine Rolle: Die Menschen sind mobil, Bindungen nicht so wichtig, Ehen werden leichter geschieden. Das einzig Verlässliche ist die eigene Familie.

Wo der Forscherdrang im Extremfall hinführen kann, lässt sich schön bei Rudolf Bertol besichtigen. Seit 15 Jahren spürt der ehemalige IBM-Manager der Geschichte des Namens Bertol nach. Im Keller seines Häuschens im oberbayerischen Seefeld hängen meterlange Stammbäume, Ahnentafeln und Fotos von Familientreffen. Daneben verwaltet er eine selbst erstellte Software mit Tabellen, Namen, Daten - es ist zum Schwindeligwerden.

Stammbaum mit 5000 Einträgen

Inzwischen hat der Mann weltweit fast 5000 Bertols recherchiert, und irgendwie hängen alle mit allen zusammen, sagt er. Zum letzten Bertol-Treffen in Saragossa sind hunderte Familienmitglieder gekommen, und um die Orientierung untereinander zu erleichtern, haben sie Namensschildchen mit unterschiedlichen Farben getragen. "Alle mit einem grünen Schild", sagt Rudolf Bertol begeistert, "die wussten, dass sie den gleichen Urgroßvater haben".

Auch beim schwäbischen Heraldiker Claus Billet hat die private Suche aufregende Ergebnisse gebracht. Es stellte sich heraus, dass er über mehrere Ecken mit dem Freibeuter Francis Drake verwandt ist. Überrascht war die Familie davon nicht: "Meine Frau hat sowas immer schon geahnt."

© SZ vom 09.02.2007
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