Süddeutsche Zeitung

Trend zum Familienstammbaum:Opa war ein Henker

Die Genealogie, die Erforschung der eigenen Familiengeschichte, ist zum neuen Hobby der Deutschen geworden. Doch nicht alle sind mit den Ergebnissen zufrieden.

Arno Makowsky

Der Moment, als die Familie aus dem Schwäbischen alles über ihre Vorfahren erfuhr, muss ein Schock gewesen sein. Man hatte für viel Geld einen Genealogen engagiert, einen Familienforscher, der in alten Kirchenbüchern recherchiert und das Internet nach Zeugnissen der Vergangenheit durchforstet.

Bis ins Mittelalter war der Mann vorgedrungen; schließlich gab es Gerüchte, die Familie sei einst adelig gewesen. Und was kam heraus? Die Recherchen ließen leider keine Zweifel zu. Die Vorfahren waren über Generationen: Henker.

Als Claus Billet, der Familienforscher, diese Geschichte erzählt, muss er selbst lachen. "Die haben gesagt: Nein, das wollen wir nicht, hören Sie auf!" Erschwerend kam hinzu, dass die Kunden auf der Suche nach einem schönen Familienwappen waren, wie es vor Jahrhunderten bei Adeligen und in gehobenen bürgerlichen Kreisen üblich war.

Billet sollte herausfinden, ob die Familie einst so eines geführt hatte. Man kann sich ungefähr vorstellen, wie dieses Wappen ausgesehen haben muss: rotes Beil auf schwarzer Kapuze, oder so ähnlich. Jedenfalls nicht das, was man gerne im Bekanntenkreis herumzeigt.

Gefragte Ahnenforscher

Claus Billet betreibt Familienforschung ganz professionell. Eigentlich nennt er sich "Heraldiker", also Wappenkundiger, der die Informationen über die Vorfahren seiner Kunden dafür verwendet, um bunte Familienwappen oder kunstvoll verschnörkelte Stammbäume zu zeichnen.

Befragt, wie die Geschäfte laufen, sagt er gleich: "Wahnsinn! Den ganzen Tag läutet das Telefon." Wobei die meisten Leute nur von ihm wissen wollten, wie sie etwas über ihre Familie herausfinden können - "und wenn ich denen ein paar Tipps gegeben habe, höre ich nichts mehr von ihnen."

Dabei wären solche Menschen nicht auf die Hilfe dieses redlichen Experten aus dem schwäbischen Filderstadt angewiesen. Überall im Land mühen sich Vereine um private Ahnengeschichten, im Internet gibt es ein unüberschaubares Angebot an einschlägigen Seiten, und im Online-Buchshop "Amazon" können Interessierte unter mehr als 100 deutschsprachigen Gebrauchsanweisungen zum Thema wählen - vom Titel "Genealogie für Dummies" bis zum "Abenteuer Ahnenforschung". Ganz offensichtlich ist die Genealogie, die Erforschung der eigenen Familiengeschichte, zum neuen Hobby der Deutschen geworden.

Interesse auch bei den Jungen

Überraschend daran ist vor allem, dass die Suche nach den eigenen Wurzeln nicht mehr, wie früher, vor allem Rentner oder egomane Adelige umtreibt. Wenn der Freiburger Historiker Volker Jarren, der sich auf Genealogie spezialisiert hat, in Kirchenarchiven stöbert oder in Standesämtern recherchiert, trifft er immer öfter junge Menschen. "Ich bin überrascht, wie viele das Thema zu interessieren scheint", sagt er, "früher fragten mich die Leute an der Uni immer: ,Genealogie? Was ist das denn?'"

Nach wie vor hat dieser Begriff keinen guten Klang. Seit die Nazis von jeder deutschen Familie einen "Ariernachweis" verlangten, wird die "Geschlechterkunde" unselig mit der NS-Ideologie in Verbindung gebracht. Die genealogischen Vereine halfen damals bereitwillig mit, Kampfbegriffe wie "Sippe" und "überlegene Rasse" zu verbreiten. Von diesem Missbrauch hat sich die Genealogie lange nicht erholt. Immerhin dient der "Ahnenpass" der Großeltern vielen jüngeren Hobbyforschern als Grundlage für ihre eigenen Recherchen.

Opa war ein Henker

Das Gestrüpp der Familiengeschichte zu durchdringen - es wäre heute undenkbar ohne das Internet. Der Aufschwung der Genealogie hängt wohl vor allem mit den faszinierenden Möglichkeiten der Online-Welt zusammen. Jeder, der nur seinen Familiennamen bei Google eingibt, stößt sofort auf Spuren, Verweise, Querverbindungen.

Boom durch Online-Recherche

Ungezählte Genealogie-Seiten bieten dem Hobbyforscher die Möglichkeit, seinen eigenen virtuellen Stammbaum anzulegen, ihn mit Fotos und Geschichten anzureichern - und mit potentiellen Verwandten in Kontakt zu treten, per E-Mail natürlich: "Hallo, ich heiße auch Oberhuber. Bitte mailen Sie mir doch die Namen und das Geburtsdatum Ihrer Großeltern. Vielleicht sind wir ja verwandt!"

Wer sich auf diese Art auf die Suche nach der Vergangenheit macht, verliert sich schnell im Dickicht. Obskure Webseiten locken mit Dokumenten bis ins Mittelalter, garniert mit Bildern von Ritterrüstungen und Gedichten von Walther von der Vogelweide. Bei den meisten Anbietern landet man schnell im "kostenpflichtigen Premium-Bereich".

Hat die Suche beispielsweise ergeben, dass die Urgroßmutter um 1900 nach Amerika ausgewandert ist, gewährt die gut aufgestellte Genealogie-Software nach Wunsch sofort Einsicht in die Passagierlisten sämtlicher Ozeandampfer, die in jenen Jahren zwischen Hamburg und New York verkehrten. Das kostet knapp zehn Euro. Nicht allzu viel, aber dabei bleibt es ja meistens nicht: Wer bei der Passagierliste fündig geworden ist, recherchiert virtuell in New York weiter. Wer weiß, ob man nicht auf den reichen Onkel in Amerika stößt.

"Befriedigung eines detektivistischen Drangs"

Was bringt die Menschen dazu, unbedingt alles über ihre Herkunft wissen zu wollen? Und warum erfährt die private Ahnenforschung gerade jetzt einen Boom? Historiker Volker Jarren hat selbst festgestellt, dass die Möglichkeiten des Internets auch einen "detektivischen Drang" befriedigen: "Es ist so einfach, etwas zu erfahren. Früher musste man in eine fremde Stadt reisen, in Standesamtslisten suchen. Das fällt alles weg."

Neben diesem spielerischen Aspekt, so mutmaßt er, spiele vielleicht auch die moderne Lebensführung eine Rolle: Die Menschen sind mobil, Bindungen nicht so wichtig, Ehen werden leichter geschieden. Das einzig Verlässliche ist die eigene Familie.

Wo der Forscherdrang im Extremfall hinführen kann, lässt sich schön bei Rudolf Bertol besichtigen. Seit 15 Jahren spürt der ehemalige IBM-Manager der Geschichte des Namens Bertol nach. Im Keller seines Häuschens im oberbayerischen Seefeld hängen meterlange Stammbäume, Ahnentafeln und Fotos von Familientreffen. Daneben verwaltet er eine selbst erstellte Software mit Tabellen, Namen, Daten - es ist zum Schwindeligwerden.

Stammbaum mit 5000 Einträgen

Inzwischen hat der Mann weltweit fast 5000 Bertols recherchiert, und irgendwie hängen alle mit allen zusammen, sagt er. Zum letzten Bertol-Treffen in Saragossa sind hunderte Familienmitglieder gekommen, und um die Orientierung untereinander zu erleichtern, haben sie Namensschildchen mit unterschiedlichen Farben getragen. "Alle mit einem grünen Schild", sagt Rudolf Bertol begeistert, "die wussten, dass sie den gleichen Urgroßvater haben".

Auch beim schwäbischen Heraldiker Claus Billet hat die private Suche aufregende Ergebnisse gebracht. Es stellte sich heraus, dass er über mehrere Ecken mit dem Freibeuter Francis Drake verwandt ist. Überrascht war die Familie davon nicht: "Meine Frau hat sowas immer schon geahnt."

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Quelle:
SZ vom 09.02.2007
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