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Teure Hoffnung:20.000 Euro für ein Versprechen

Noch gibt es bisher kaum seriöse Heilerfolge bei der Behandlung mit Stammzellen. Das hält Firmen nicht davon ab, Therapien an Schwerkranke zu verkaufen.

Christina Berndt

Wenn man von einem Mann sagen kann, er sei nicht totzukriegen, dann gilt das für Martien Verdeuzeldonk. Gleich fünf Schlaganfälle auf einmal ereilten den Niederländer vor vier Jahren - da war er gerade mal 36 Jahre alt und saß hinter dem Steuer seines Wagens.

Verdeuzeldonk weiß nur von anderen, dass er sein Auto noch zum Halten brachte und dass er dann wochenlang im Koma lag. Das geronnene Blut in seinem Kopf hatte weite Teile seines Gehirns lahmgelegt.

Doch Verdeuzeldonk schaffte es zurück ins Leben. Obwohl er sich am Anfang kaum bewegen konnte, knüpfte er bald an sein früheres Leben an. Im nächsten Winter, sagt er, will er wieder Skifahren gehen - obwohl er nur ein Viertel von dem sieht, was andere sehen.

Aber Verdeuzeldonk ist einer, der nicht aufgibt.

Und als er neulich diesen Artikel im Amsterdamer Telegraaf las, da war für ihn klar, dass er das auch probieren wollte: eine Stammzelltherapie.

Einem Leidensgenossen von Verdeuzeldonk soll es besser gegangen sein, nachdem Ärzte ihm Stammzellen aus seinem eigenen Knochenmark durch ein Loch in den Schädel gespritzt hatten. "Am Tag danach merkte ich schon, dass ich meinen Unterschenkel wieder bewegen konnte", sagte Dirk Dekker dem Telegraaf. Er war überzeugt davon, dass das mit den wundersamen Stammzellen zu tun hatte.

Allerdings bekam er auch Unangenehmes zu spüren. Nach dem Eingriff erlitt Dekker einen epileptischen Anfall. Zudem ist sein Bankkonto um 20.000 Euro schmaler.

Die musste Dekker einer kleinen Firma an der deutschen Grenze für die experimentelle Therapie zahlen. Bis vor kurzem noch hat das Unternehmen mit dem Namen Cells4Health ("Zellen für die Gesundheit") Nabelschnurblut eingefroren; vor etwa zwei Jahren witterte es dann ein neues Geschäftsfeld: verzweifelte Patienten mit schweren Krankheiten.

Parkinson, Herzinfarkt, Schlaganfall, Multiple Sklerose (MS), Querschnittslähmung: Die Liste der Krankheiten, bei denen Stammzellen theoretisch helfen können, ist lang.

Denn bei all diesen Leiden sind körpereigene Zellen zugrundegegangen, die eigene Stammzellen womöglich ersetzen können. Doch in der Praxis hat sich diese Hoffnung bisher kaum bestätigt.

20.000 Euro für ein Versprechen

Routinemäßig werden fremde Stammzellen bisher nur eingesetzt, wenn bei Blutkrebs die eigenen Blutzellen bestrahlt wurden. Bei allen anderen Krankheiten erforschen seriöse Wissenschaftler derzeit noch die Grundlagen der Stammzelltherapie in Kulturschalen und an Tieren.

Nur bei ausgewählten Krankheiten haben sie erste Versuche an Menschen gewagt - mit mäßigem Ergebnis.

Doch viele Kranke wollen nicht warten. Begierig saugen sie Meldungen über vermeintliche Heilungserfolge auf. Und so einige glauben nach einer Behandlung auch Besserung zu spüren - mitunter so schnell, wie es nur Zauberei vermag.

Die Engländerin Patricia Frost etwa, die wegen MS gelähmt ist, meinte schon auf dem Rückweg von einer Stammzellinjektion bei der Firma PMC in Rotterdam ihre Arme wieder heben zu können.

"Es ist unglaublich. Es ist nichtmal eine Stunde her", sagte ihr Schwiegersohn, den Tränen nahe. "Unglaublich" findet die Geschichte auch Robin Lovell-Badge vom National Institute for Medical Research in London - die Stammzellen könnten kaum der Grund sein: "Ich habe mir schon den Kopf zerbrochen, wie diese Therapie funktionieren könnte", sagt der Stammzellexperte.

Die bloße Hoffnung der Patienten bewirke wohl mitunter Verblüffendes.

Risiken werden kleingeredet

Die Firmen aber sind sich nicht zu schade, diese Hoffnung akribisch zu nähren. "Sie sind nur hinter dem Geld her", sagt die Stammzellforscherin Christine Mummery von der Universität Utrecht. "Die ,Informationen', die sie den Patienten geben, sind eher Propaganda als Information. Sie versprechen absolut irreführende Dinge."

Auch Verdeuzeldonk war zunächst angetan. "Wenn es nicht riskant ist, will ich es wohl tun. Ich habe nichts zu verlieren", sagte er nach einem ersten Gespräch mit Cells4Health. Die Gefahren allerdings sind durchaus größer, als die Firmen zugeben.

"Sie reden Risiken klein oder erwähnen sie erst gar nicht", empört sich Christine Mummery. So weisen die Patientenbroschüren von Cells4Health lediglich auf "ein sehr kleines Infektionsrisiko" hin.

Dabei ist die Therapie alles andere als harmlos.

20.000 Euro für ein Versprechen

Experten befürchten, dass die Zellen Krebsherde bilden, wenn sie nicht richtig aufgearbeitet werden. Auch Knorpel könnten entstehen - beides nichts, was Patienten in Herz oder Gehirn gut täte.

Ungeachtet dessen sind die Produktpaletten der Firmen bunt. Meist wird ein ganzes Potpourri von Therapien angeboten. PMC spricht sogar Menschen mit sexuellen Problemen, Haarausfall oder Appetitlosigkeit an. Die Ergebnisse seien "oft spektakulär", jubelt die Firma.

Außerhalb der Welt der Träume hält die Datenlage dieser freudigen Botschaft jedoch nicht stand. Bei den meisten Krankheiten sind die Therapien kaum über erste Tierversuche hinausgekommen. Das gilt zum Beispiel für das gesamte Feld der neurologischen Erkrankungen.

Widersprüchliche Daten

Es wäre derzeit sogar "voreilig, klinische Studien auf diesem Gebiet zu beginnen", warnt der schwedische Neuroforscher Olle Lindvall.

Am weitesten ist die Forschung noch beim Herzinfarkt. Aber selbst da ist die Datenlage dünn und widersprüchlich, wie zwei aktuelle Studien zum akuten Herzinfarkt erneut belegen (NEJM, Bd.355, S.1199 und 1210, 2006).

Nur eine - von Andreas Zeiher aus Frankfurt - schrieb den Zellen einen kleinen Nutzen zu. Sie schienen die Pumpleistung der linken Herzkammer ein wenig zu verbessern. In der anderen Studie aus Norwegen erwies sich die Zelltherapie dagegen als nutzlos.

Die Gründe für die widersprüchlichen Ergebnisse sind indes unklar.

20.000 Euro für ein Versprechen

"Die Kollegen aus Norwegen lassen ihre Zellen zu lange stehen, bevor sie sie einsetzen", vermutet Zeiher, der jüngst selbst eine Firma namens t2cure gegründet hat. Seine Firma solle aber nicht "Patienten abzocken", versichert er.

Vielmehr will er Financiers anlocken, die eine Studie mit mehr als 1200 Infarktpatienten sponsern, um die günstigen Effekte der Stammzelltherapie endlich zu untermauern. Was die anderen Firmen mit den Patienten machten, sei dagegen "eine Schweinerei", sagt Zeiher.

Der Arzt betrachtet auch mit Unbehagen, dass selbst deutsche Universitäten die Therapien mit allzu großen Versprechungen vermarkten.

So feierte die Uniklinik Rostock vor kurzem den fünften Jahrestag ihrer Stammzelltherapie nach Herzinfarkt und behauptete aus diesem Anlass, dass Gewebeerneuerung durch Stammzellen bereits "an die Stelle eines Schrittmachers oder gar der Transplantation" getreten sei. In Rostock seien 60 Patienten "mit Erfolg" behandelt worden.

Dabei lassen sich solche Schlüsse gar nicht aus einzelnen Beobachtungen ziehen. Andreas Zeiher gebührt die Ehre, der erste Wissenschaftler zu sein, der die (geringe) Wirkung seiner Herzinfarkt-Therapie mit einer Placebo-Behandlung untermauerte.

Denn die Hälfte der 200 Patienten erhielt nur eine Spritze ohne Stammzellen, obwohl ihnen ebenfalls Knochenmark entnommen worden war. "Die Studie war an der Grenze des ethisch Machbaren", räumt Zeiher ein.

Aber das sei der einzige Weg, positive Effekte der Therapie wirklich den Stammzellen zuzuschreiben. Denn wie das Beispiel der MS-Patientin Frost zeigt, kann Hoffnung ungeahnte Prozesse in Gang setzen.

Auf diese Hoffnung setzt auch der chinesische Neurochirurg Huang Hongyun. Er behandelt Querschnittsgelähmte mit mysteriösen Stammzellen aus den Nasen abgetriebener Föten.

20.000 Euro für ein Versprechen

Mehr als 1000 Patienten sind schon angereist, um sich für 20.000 Dollar solche Zellen ins Rückenmark spritzen zu lassen. Doch als ein Team von US-Experten vor kurzem einige Patienten nachuntersuchte, hatte keinem die Therapie etwas gebracht.

"Dafür erlitt der Großteil schwere Nebenwirkungen wie Hirnhaut- oder Lungenentzündung", sagt Teamleiter Bruce Dobkin. Die Chinesen sammelten nicht einmal die Daten, um Risiken und Erfolge auszuwerten. "Es schockierte uns."

Vor diesem Hintergrund ist es noch rühmlich, dass Cells4Health die Daten seiner Kunden in einer Studie auswerten wollte. Die Firma stellte sich allerdings nicht sehr geschickt an.

Versuch gestoppt

Der Versuch wurde gestoppt, nachdem das Zentralkomitee für Forschung am Menschen das Versuchsdesign und das Risiko für die Patienten kritisiert hatte. Inzwischen untersucht auch die oberste Gesundheitsbehörde der Niederlande die beiden Stammzelltherapie-Verkäufer PMC und Cells4Health.

Die Untersuchung soll bald abgeschlossen sein, sagt Piet van der Hoek von der Behörde. Bis dahin werden Patienten darauf hingewiesen, dass "Skeptizismus und Vorsicht angeraten sind".

Ob sich die Firmen stoppen lassen, ist allerdings fraglich. In Irland hat das Unternehmen ACT (das eine Adresse in Genf besitzt und nichts mit seinem Namensvetter in den USA zu tun hat) vor kurzem einen ungewöhnlichen Ausweg ersonnen: Als das Irish Medicines Board weitere Stammzellbehandlungen verbot, charterte ACT kurzerhand ein Schiff und bot den Kranken an, sie in internationalen Gewässern zu behandeln.

Kulanterweise sogar ohne Aufpreis auf die Tausende von Euro teure Therapie: "Die Kosten der Fähre", hieß es, "werden von ACT übernommen."

© SZ vom 22.9.2006
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