Rebirthing Wiedergeboren durch die Atmung

Beschleunigtes und "pausenloses" Atmen soll verschüttete Erinnerungen wachrufen. Richtig angewandt verwandelt uns die Technik angeblich in glückliche, freie Menschen.

Von Colin Goldner

Rebirthing wurde Mitte der 1970er Jahre von dem kalifornischen Hobbypsychologen Leonard Orr (geboren 1938) entwickelt, dem es, wie die Legende sagt, durch "göttliche Eingebung" zuteil geworden war.

Mit Hyperventilation zur zweiten Geburt.

(Foto: Foto:digitalstock)

In einem Holzzuber mit warmem Wasser sitzend hatten ihn plötzlich vorgeburtliche Erinnerungen überkommen. Er fühlte sich, so Orr, wie im Uterus seiner Mutter. Gleichgültig, ob es sich nun um "reale" Erinnerung oder um LSD-induzierte Halluzinationen handelte: Der ihm eigene Geschäftssinn ließ ihn sofort das enorme Potential erkennen, das in der Vermarktung "vorgeburtlicher Erlebnisse" steckte.

Orr experimentierte mit verschiedenen Atemtechniken und entdeckte, dass er über Schnorchelatmung unter Wasser seine "intrauterinen Erinnerungen" bewusst herbeiführen konnte.

Beschleunigtes und "pausenloses" Atmen schien verschüttete Erinnerungen wachzurufen, letztlich sogar Empfindungen aus vorgeburtlichem Erleben. Ein erneutes Hindurchgehen durch die Erfahrungen der eigenen Geburt, so Orrs freudianisch angehauchte Idee, löse all die "negativen Lebensprogrammierungen" auf, die sämtlich in ebendiesen ihre Ursache hätten: Ein buchstäblich neugeborener, freier, glücklicher Mensch sei die Folge.

Konsequenterweise bezeichnete Orr sein Verfahren, mit dem er umgehend eigene Therapieseminare veranstaltete, als "Re-birthing" (Wiedergeborenwerden). Ohne die geringste klinische Absicherung ließ er seine "Klienten" in einen Warmwasserbottich steigen und dort nach vorgeburtlichen Erfahrungen suchen.

Ins Trockene verlagert

Im Zuge weiterer Experimente verlagerte Orr das Rebirthing ins Trockene. Die Atemweise blieb prinzipiell dieselbe, allerdings wurde auf den Schnorchel verzichtet. Den Vorzug erhielt die Nasenatmung.

Der nun auf dem Rücken liegende Klient wird angewiesen, seinen Atem "kreisförmig", das heißt ohne Pause zwischen Ein- und Ausatmen, fließen zu lassen. Zudem soll er schneller atmen als gewöhnlich, mit Betonung auf dem Einatmen und vorwiegend in den Brustraum.

Der Therapeut greift lediglich bei Unterbrechungen des fortlaufenden Atemflusses oder bei zu oberflächlicher Atmung ein. Beispielsweise übt er solange Druck auf den Brustkorb des Klienten aus - manche Rebirther knien sich mit vollem Körpergewicht darauf -, bis dieser in akute Atemnot gerät; nach Lösung des Drucks vertieft sich die Atmung von selbst. Eine derartige Sitzung dauert etwa eineinhalb Stunden, zehn Einheiten sind vorgesehen.

Der Rebirthing-Prozess basiert ausschließlich auf Hyperventilation: Durch die Erhöhung der Atemfrequenz mit inspiratorischer Verschiebung der Atemruhephase wird mehr Kohlensäure abgeatmet, als im Stoffwechsel entsteht: Es kommt zu einem Abfall der CO2-Spannung im Blutplasma (Hypokapie) und zu einer massiven Störung des Säure-Basen-Haushaltes (respiratorische Alkalose).

Zugleich kommt es zu neuromuskulärer Übererregbarkeit mit sogenannten tetanischen Symptomen (Parästhesien, Verkrampfung der Hände und Gesichtsmuskeln usw.) sowie zu einer Aktivierung des Sympathikus (Pulsanstieg, EKG-Veränderungen mit Extra-Systolen).

Überdies treten Veränderungen in der regionalen Durchblutung auf: Vor allem die Gehirndurchblutung nimmt ab, was klinisch zu einem Präkollaps (Bewusstseinsstörungen mit Wahngebilden, Schwindelgefühle) oder gar zu einer Ohnmacht ("Blackout") führen kann. Eben diese gelegentlich als "rauschartig" empfundenen Extremerfahrungen machen die Faszination des Rebirthing aus.

"Geburtstrauma" sollen behoben werden

Der Umstand, dass die im Rebirthing-Prozess sich vergegenwärtigenden Empfindungen und Bilder häufig "geburtsbezüglich" sind, hat weniger mit der Atemtechnik an sich zu tun, als vielmehr mit der ergebnisleitenden Intention, in der diese eingesetzt wird: alles physiologische und imaginierte Geschehen wird als prä- oder perinatales Wiedererleben gedeutet.

Im Zentrum des Rebirthing steht die Behauptung Orrs, es lasse sich in wenigen Sitzungen das "Geburtstrauma" beheben, unter dem ausnahmslos jeder Mensch leide und das Ursache sei aller psychischen und psychosomatischen Störungen.

Unbestritten kann die Geburt in einem der heutigen Kreißsäle eine wenig angenehme Erfahrung sein, für das Neugeborene ebenso wie für die Mutter. In der Regel aber weist ein normal geborener Säugling keinerlei Traumaanzeichen auf. Traumatisierend für das Neugeborene sind bei einer "Normal"-Geburt allenfalls die äußeren (zivilisatorischen) Umstände, unter denen es zur Welt kommt (Temperaturschock, Lichtschock, zu frühe Abnabelung usw.).

Um solches zu vermeiden, finden zunehmend Methoden der "sanften Geburt" Verbreitung, wie sie der französische Frauenarzt Fréderic Leboyer schon ab Ende der 1960er entwickelt hat.

Selbstredend gibt es auch Fälle, in denen es tatsächlich zu einer Traumatisierung des Neugeborenen kommt, etwa in Folge einer entgleisten Mutter-Kind-Beziehung . Nichts indes deutet darauf hin, dass Rebirthing irgendetwas zur Therapie solchen Traumas beitragen könnte.

Auch ansonsten sind die Behauptungen Orrs, das "verbundene Atmen" stelle ein Allheilmittel gegen jedwede Erkrankung dar - selbst bei Krebs und Aids gebe es kein potenteres Therapieverfahren -, schlichtweg absurd.

In der "Durchdringung jeder einzelnen Zelle des Organismus mit der heilenden Kraft des Universums", wie es in der einschlägigen Literatur heißt, sei es mittels Rebirthing sogar möglich, den "biologischen Alterungsprozess umzukehren". Mehrere hundert Jahre alte indische Yogis sollen der leibhaftige Beweis dafür sein, dass sich so eine "physische Unsterblichkeit" erlangen lässt.

Rebirthing vermittelt allenfalls ein intensives emotionales Aufgewühltsein, das für den gesunden Menschen vielleicht eine Art "Psycho-Trip" sein mag, vielleicht auch ein Anstoß, wie er durch Grenzerfahrungen erfolgen kann.

Für den körperlich kranken Menschen (z.B. Herz-Kreislauf-Labilität) oder für psychosomatische Patienten (Asthma, Colitis usw.) sind die Eingriffe ins Atemgeschehen allerdings höchst riskant. Monate und selbst Jahre später können noch schwere und schwerste Störungen auftreten. Besonders für psychisch labile Menschen stellt Rebirthing eine massive Gefahr dar: Es können "maligne Regressionen" auftreten (die Betroffenen erfahren erneut negative Kindheiserlebnisse), mit Depression bis hin zu akuten suizidalen Krisen; auch psychotische Entgleisungen kommen vor, die den Patienten nicht mehr aus der Regression herausfinden lassen.

Rebirthing und seine Varianten (Vivation, Holotropes Atmen usw.) haben nichts zu tun mit seriöser Atemtherapie, wie sie etwa von Ilse Middendorf oder Volkmar Glaser entwickelt wurde.

Derlei Atemarbeit, auch Pneopädie genannt, kann hohen Wert als unterstützende Maßnahme beanspruchen - wenn sie eingebunden ist in ein pädagogisches bzw. klinisches Gesamtkonzept und bei ausreichender Kompetenz und Erfahrung des jeweiligen Therapeuten. Die behauptete Wertigkeit als eigenständiges Therapieverfahren kann ihr indes in keinem Falle zugesprochen werden.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.