Edelsteintherapie:Steine für jedes Sternzeichen

Die Stein-Heilkunde, die auf die Mystikerin Hildegard von Bingen zurückgeht, ist vor allem eines: mittelalterlich. Trotzdem boomt der Glaube an die "Heilkraft" der Edelsteine.

Colin Goldner

Seit Anfang der 1980er im Zuge der Esoterikwelle die "Edelsteinmedizin" der mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen wieder ausgegraben wurde, boomt der Glaube an die "Heilkraft" von Steinen und Kristallen.

Edelsteintherapie: Auf Esoterik-Verkaufsmessen, in einschlägigen Buchläden sowie über eigene Versandhäuser werden Steine mit angeblich heilsamer Wirkung angeboten.

Auf Esoterik-Verkaufsmessen, in einschlägigen Buchläden sowie über eigene Versandhäuser werden Steine mit angeblich heilsamer Wirkung angeboten.

(Foto: Foto: iStockphoto)

Inzwischen ist eine Vielzahl von Leitfäden und Lehrbücher auf dem Markt. Auf Esoterik-Verkaufsmessen, in einschlägigen Buchläden sowie über eigene Versandhäuser werden Steine jedweder Art und Provenienz angeboten.

Seit Mitte der 1990er gibt es sogar einen eigenen Interessensverband, der der Steinheilkunde jene "gesellschaftliche Anerkennung" zu verschaffen sucht, die sie angeblich seit je innegehabt habe und die ihr erst "mit dem aufkommenden Materialismus und den modernen Wissenschaften" verlorengegangen sei.

Edelsteintherapie ist synonym auch als Kristall-, Litho- oder Gemmotherapie bekannt.

In umfänglichen Auflistungen werden die spezifischen Heilkräfte der einzelnen Steine dargestellt. Aufgelegt auf bestimmte Stellen des Körpers - vor allem auf vermeintliche Reflexzonen oder Akupunkturpunkte - setzten sie angeblich ein "gewaltiges Energiepotential" frei, wodurch jede nur denkbare Störung oder Erkrankung behoben werden kann.

Jade wird beispielsweise bei Herz-/Kreislaufproblemen empfohlen, Saphir bei Atemwegs- und Lapislazuli bei Hauterkrankungen, Fluorit bei neurologischen Ausfällen.

Bei übelriechenden Blähungen sei Karneol angezeigt, bei sauerem Aufstoßen Magnetit, letzterer auch bei juckenden Geschlechtsorganen.

Allerdings sind die Angaben der einzelnen Lehrbücher keineswegs eindeutig oder widerspruchsfrei: Während etwa der eine Autor Citrin für besonders geeignet bei körperlicher Erschöpfung hält, empfiehlt es ein anderer bei Kratzzwang am After. Wird Zirkon hier gegen übersteigerte Aggressivität und Zerstörungswut empfohlen, soll es da gegen Tumore im Hals- und Nasenbereich helfen.

Auch die Auswahl der Steine ist völlig willkürlich: Der eine setzt auf weitgehend unbekannte Steine wie Chrysokoll oder Uwarowit, der andere auf allgemein bekannte wie Bergkristall oder Granat.

Aber so durcheinander die Empfehlungen auch gehen - Edelsteine gehören heute zur Grundausstattung nahezu jeder alternativen Heilpraxis: Ein Schächtelchen mit vierundzwanzig getrommelten Halbedelsteinen ist als Startset für knapp 70 Euro erhältlich, nach oben hin sind die Preise natürlich offen.

Stein-Energie und Sternzeichen

Über die Therapie akuter oder chronischer Erkrankungen hinaus kommt den Steinen besondere Bedeutung in der Vorsorge zu: Besten Schutz gegen Krankheit oder sonstige Unbill bietet angeblich die Energie eines Steines, der dem astrologischen Sternzeichen des jeweiligen Trägers entspricht:

Im Zeichen des Widders (21.3.-20.4.) Geborenen verleihe demnach Amethyst oder Rubin zusätzliche Abwehrkraft, Jungfrau-Geborenen (23.8.-22.9.) dagegen Lapislazuli, Opal oder Smaragd.

Auch mit dem Mond korrespondierende Steine haben sich angeblich als sehr hilfreich erwiesen, die allerdings alle vier Wochen ausgewechselt werden müssten: Im Januar Rosenquarz, im Februar Onyx, im März Aquamarin und so weiter. Jade, so wird behauptet, schützt das ganze Jahr über gegen Unfälle und verleiht obendrein Fruchtbarkeit.

Frei nach den Weisungen der "Heiligen Hildegard" werden vielfach auch "Edelsteinelixiere" hergestellt. Hierzu wird der jeweilige Heilstein für zumindest fünf Stunden in ein Glas Wasser gelegt, wahlweise auch zehn bis 15 Minuten in destilliertem Wasser gekocht: Die so erhaltene "Uressenz" sei dem Trinkwasser zuzugeben. Lapislazulielixier beispielsweise befreie das Lymphsystem von Giftstoffen, Moonstone- oder Perlenelixier wirke gegen nervöse Unruhe.

Steine für jedes Sternzeichen

Bei schwerwiegenderen Problemen wird, gleichfalls unter Bezugnahme auf die "Hildegard-Medizin", empfohlen, die Steine zu pulverisieren und unter das Essen zu mischen.

Pulverisierte Steine können über den einschlägigen Zubehörhandel bezogen werden: ein Set mit 56 verschiedenen Edelsteinpulvern (á 1 Gramm) kostet etwas über 100 Euro. Längst finden sich "zu direkter oraler Einnahme" auch fertige "Kristallkapseln" auf dem Markt: mit unterschiedlichen "Heilsteinpulvern" befüllte Gelatinekügelchen, die mit 50 Euro pro 100 Stück zu Buche schlagen. Ein szenebekanntes Institut für Edelsteintherapie führt gemahlene Steine gar im Teebeutel zum Aufbrühen im Sortiment.

Zu erwähnen sind an dieser Stelle auch zauberstabähnliche Geräte, an deren Spitze verschiedene Edelsteine aufgesteckt werden können; die Berührung mit solchem Edelstein- oder Kristallstab bringe "Ordnung in die Zellen des erkrankten Organismus".

Ganz ähnlichen Unfug stellen die sogenannten "Edelsteinstrahler" dar, simple Stabtaschenlampen, vor deren Glühbirne Aquamarin-, Rosenquarz- oder Zirkonscheibchen gesetzt werden können. Mit dergestalt gewonnenem "Kristalllicht" lassen sich angeblich Reflexzonen und Akupunkturpunkte heilwirksam "bestrahlen".

Von allenfalls dekorativem Wert sind auf diese Punkte aufgeklebte "Kristall-Punktur-Tattoos", winzige Kristallscheibchen, denen besondere Wirkkraft zugesprochen wird.

Für die behaupteten Effekte der Edelsteintherapie fehlt nicht nur jeder wissenschaftliche Beleg. Die Therapie selbst selbst entbehrt jeder rationalen Grundlage. Oral eingenommene Edelsteinpulver zum Beispiel werden einfach wieder ausgeschieden - ohne irgendeinen Effekt.

Ebenso unsinnig wie die Edelsteintherapie ist die eng damit verwandte sogenannte Metall- oder Aeneotherapie, bei der kleine Metallstücke oder Blechteile, von Aluminium bis Zinn, aufgelegt oder als Amulette um den Hals getragen werden; ganz zu schweigen von der Verabreichung analog zu den "Edelsteinelixieren" hergestellter "Metallelixiere":

Wasser beispielsweise, in das für einige Zeit Silber eingelegt wurde, wirke gegen nervöse Übererregbarkeit, entsprechend fabriziertes "Goldwasser" erhöhe Lebensenergie und Immunkraft.

Eine Ausbildung zum "Edelsteintherapeuten" umfasst übrigens zehn Unterrichtsstunden und kostet 150 Euro.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.

© sueddeutsche.de/mcs
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB