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Ayurveda:Das "Wissen um ein langes Leben"

Das rund dreieinhalbtausend Jahre alte Ayurveda hat viele Anhänger. Doch dem hinduistischen Heilsystem wird zu viel zugetraut.

Die Zeit der indischen Weisheitskünder und Gurus, die seit Anfang der 1970er Jahre auf den Westen niedergekommen waren, ist längst vorbei.

Ayurveda-Massagen sind angenehm und entspannend.

(Foto: Foto: ddp)

Ehedem höchst einflussreiche Figuren wie Phabhat Ranjana (Ananda Marga), Maharaj Ji (Divine Light Mission) oder Lekh Raj (Brahma Kumaris) sind heute kaum mehr jemandem ein Begriff. Und Bhagwan-Osho Rajneesh oder Seine Göttliche Gnade Bhaktivedanta Swami Prabupadha (Hare Krishna) haben schon vor Jahren das Nirvana erreicht.

Nur Sri Chinmoy macht gelegentlich noch mit seinen "Peace-Konzerten" von sich reden. Und natürlich Maharishi Mahesh Yogi, der als einer der ersten Gurus entdeckt hatte, wie man im Westen Geld macht. Mit seiner Transzendentalen Meditation ist er nach wie vor erfolgreich im Psycho- und Alternativheilergeschäft zugange.

Anfang der 1980er hatte der Maharishi den "Weltplan für vollkommene Gesundheit" vorgestellt, eine Mixtur aus Transzendentaler Meditation und Bestandteilen traditioneller indischer Heilkunst.

Auf diesem Weg wurde das hinduistische Heilsystem des Ayurveda auch im deutschsprachigen Raum bekannt. Zahlreiche Heilpraktiker sowie zunehmend auch Ärzte und Privatkliniken arbeiten heute nach ayurvedischen Prinzipien (beziehungsweise dem, was sie darunter verstehen).

Ayurveda, das mindestens dreieinhalbtausend Jahre alte "Wissen um ein langes Leben", ist Teil der vier heiligen Schriften (Vedas) des Hinduismus. Der menschliche Organismus, so die grundlegende Vorstellung, spiegle das kosmische Ordnungssystem des Universums wider, das wie dieser zusammengesetzt sei aus den fünf Elementen Feuer (Thejas), Wasser (Jala), Luft (Vayu), Erde (Prithivi) und Äther (Akasha).

Hergeleitet aus diesen Elementen bestimmten drei energetische Regelsysteme, Doshas genannt, den Organismus: Vata (Luft/Äther) regle Atmung, Bewegung und Nerventätigkeit, Pitta (Feuer/Wasser) Verdauung und Stoffwechsel, Kapha (Wasser/Erde) das Immunsystem.

Das Verhältnis der Doshas zueinander soll die Konstitution und die individuellen Eigenschaften des Menschen bestimmen. Selbst die kleinste Störung in der harmonischen Abstimmung der drei Doshas führe zu Krankheitssymptomen, vor allem aber zur Ablagerung giftiger Schlacken (Ama) im Organismus, heißt es.

Mittels einer eigenen Pulsdiagnose (Nadivigyan) wird das aktuelle Verhältnis der Doshas zueinander ermittelt. Um deren rechte Balance, abgeleitet aus dem astrologischen Horoskop des Patienten (Prakriti-Analyse), wiederherzustellen und die angesammelten Schlacken auszuleiten, werden bestimmte Reinigungsverfahren (Panchakarma) verwendet.

Dazu gehören etwa Fasten, Bäder, Einläufe, Erbrechen oder Aderlass. Hinzu kommen Massagen, Yoga- und Atemübungen, Farb- und Musiktherapie, sowie der Einsatz einer Vielzahl eigener Arzneimittel.

Ob diese Vorstellungen außerhalb des kulturellen Kontexts, in dem sie entstanden sind, Sinn machen, ist umstritten.

Zweifel sind angebracht

Überprüfungen ayurvedischer Diagnose- oder Therapieverfahren nach westlichem Standard lassen jedenfalls erhebliche Zweifel an deren Wirksamkeit aufkommen. Selbst in Indien sind sie umstritten. So hielt der verstorbene indische Wissenschaftler Abraham Kovoor sie für ausgemachten Unsinn.

Ernsthafte Belege für das angeführte "Indikationsspektrum", demzufolge ayurvedische Behandlung nicht nur bei körperlichen Erkrankungen wie Diabetes oder Hepatitis angezeigt sein soll, sondern vor allem bei psychosomatischen Beschwerden wie Migräne, Neuralgien oder Magenschleimhautentzündung, gibt es bislang nicht; ebenso wenig für die angeblich phantastischen Behandlungserfolge bei psychischen Störungen.

Den diesbezüglichen Behauptungen darf zu Recht misstraut werden. Das gilt natürlich vor allem auch für ayurvedische Präparate, die zur Behandlung von Krebs und Aids empfohlen werden.

Überhaupt hält die Medikamentenlehre des Ayurveda einer seriösen Analyse kaum stand. Vor allem die traditionelle Vermengung der einzelnen Präparate mit Mineralien und Metallen - insbesondere mit dem hochgiftigen Quecksilber - ist nach heutigem Erkenntnisstand nicht mehr zu vertreten.

Das "Wissen um ein langes Leben"

Die Behauptungen, das Quecksilber - anzuraten vor allem zur Behandlung von Leukämie - werde in einem komplizierten "Destillationsprozess" zu einer ungiftigen, aber hochwirksamen "Silbermedizin" (Bhasma) umgewandelt, sind gefährlicher Unfug.

Tatsächlich besteht das "Umwandlungsverfahren" in einem simplen Erhitzen des jeweiligen Stoffes und anschließendem Vermischen mit Öl, Buttermilch und dergleichen; auch Arsen, Blei und andere toxische Stoffe werden auf diese Weise "entgiftet".

Ob der durchaus mögliche Entspannungseffekt von Abhyanga (Ganzkörperölmassage), Svedana (Kräuterdampfbad) oder Pranayama (Atemübungen) den Preis von 4000 Euro und darüber für eine Zwei-Wochen-Kur rechtfertigt, muss jeder Patient selbst entscheiden. Die Kassen bezahlen ayurvedische Behandlungen üblicherweise nicht.

Längst wird das Hindu-Heilverfahren des Ayurveda auch von hiesigen Heilpraktikern, Ärzten oder Sanatorien angeboten, die weder der Maharishi- noch einer sonstigen Sektenorganisation zugehören oder nahestehen.

Auch bei Praktikern, die in seriöserem Gewande auftreten, gilt indes der warnende Hinweis: Wer ausschließlich auf Ayurveda vertraut, riskiert, dass schwere Erkrankungen übersehen werden und eine angemessene Behandlung versäumt wird.

Interessant in Hinblick auf die Qualifikation von Ayurveda-Praktikern sind übrigens die Studiengänge, die etwa von der marktführenden Münchener SEVA Ayurveda Akademie angeboten werden: Eine Grundausbildung dauert fünf Tage (795 Euro), eine darauf aufbauende Fortbildung beispielsweise in "Innerer Medizin" vier Tage (600 Euro) .

An der Europäischen Akademie für Ayurveda bei Frankfurt umfasst die Grundausbildung immerhin sechs Tage (825 Euro), die Komplettausbildung zum Ayurvedatherapeuten 31 Tage (4495 Euro). Viele Praktiker erwerben ihre fachlichen Kenntnisse auch auf Urlaubstrips nach Indien oder Sri Lanka, wo eine Vielzahl an "Ausbildungsinstituten", angeschlossen oftmals an Hotels oder Touristenresorts, ihre Dienste feilbieten.

Die an Ayurveda vorgetragene Kritik muss übrigens auch an all den anderen Verfahren beziehungsweise Verfahrensfragmenten geübt werden, die aus schamanistisch geprägten Heiltraditionen (Tibeter, Afghanen, Filipinos, Indianer, Hawaiianer, Eskimos und vieles mehr) herausgebrochen und - meist ohne tiefergehende kulturanthropologische und/oder medizinische Erfahrung oder Kompetenz der einzelnen Praktiker - hierzulande als ursprüngliche Natur- oder Volksheilverfahren propagiert werden.

Colin Goldner ist klinischer Psychologe. Er setzt sich seit etlichen Jahren kritisch mit alternativen Heilverfahren auseinander.