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Streit um die religiöse Beschneidung:Eine Debatte kultureller Differenzen

Ist aber einmal klargestellt, dass es bei der Zirkumzision der männlichen Kinder medizinisch eben nicht ganz so eindeutig ist, wie man es hierzulande oft darzustellen versucht, so handelt es sich - ganz im Gegensatz zur weiblichen Genitalverstümmelung - um eine Debatte kultureller Differenzen.

Im deutschen Kulturgebiet ist innerhalb der christlichen Bevölkerung nicht nur die Beschneidung, sondern auch das Bewusstsein um die Beschneidung spätestens im 19. Jahrhundert nahezu verschwunden. Ein paar Bilder in den Museen deuten noch darauf hin, dass Jesus ja auch beschnitten war. Die Tatsache, dass der Neujahrstag der achte Tag nach seiner Geburt war und im christlichen Kalender lange als Circumcisio Domini begangen wurde, ist heute vor allem noch den Kirchenhistorikern bewusst. Beschneidung wird in der Volksmeinung - ganz anders etwa als in angelsächsischen Gesellschaften - lediglich mit Gewalt, Kastration, Verstümmelung und Traumatisierung verbunden.

Juden haben sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht an die Sitten und Gebräuche ihrer Umgebung angepasst. Sie haben ihre Bärte abrasiert und die jiddische Sprache abgelegt, sie haben manche Rituale über Bord geworfen. Doch selbst die Reformbewegung im Judentum, die so vieles infrage stellte, hält bis heute an der rituellen Beschneidung der Jungen als einem wichtigen Aufnahmeritus in ihre religiöse Gemeinschaft aufrecht.

Reinhard Merkel gibt in seinem Artikel gegen die Beschneidung selbst den besten Beleg für die anhaltende Popularität der Beschneidung sogar unter den völlig säkularen Israelis. 98 Prozent aller Israelis lassen ihre Kinder beschneiden, das ist ein erstaunlich hoher Anteil, verglichen mit jeder anderen religiösen Praxis. Wenn Merkel die restlichen zwei Prozent (Tendenz steigend) als Beweis dafür anführt, dass diese Praxis nicht als rituelle Aufnahme in den Bund des Judentums dienen müsse, ist dies wenig erstaunlich. Es gibt schließlich auch eine ganze Reihe christlich aufgewachsener Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen. Dennoch wird die Kirche die Taufe weiterhin als ebenso selbstverständlichen Aufnahmeritus betrachten wie das Judentum und der Islam die Beschneidung.

Von Beschneidungsgegnern ist oftmals das Argument zu hören, Kindern dürfe von den Eltern keine Religion aufgezwungen werden, die Jugendlichen sollten sich vielmehr im Alter von 14 oder 16 Jahren ihre religiöse Zugehörigkeit frei wählen dürfen. Das ist gewiss schön gedacht, doch ebenso wenig realisierbar wie die beliebige Wahl der eigenen Nationalität oder der Sprachgemeinschaft. Ob man will oder nicht, erfolgt in diesen Bereichen eine entscheidende Prägung bereits vorher. Insbesondere für religiöse Minderheiten würde eine solche "freie Wahl" wohl ihr Ende bedeuten. Denn unsere "säkulare" Gesellschaft ist durch und durch christlich geprägt.

Solange am Sonntag (und eben nicht am Freitag oder Samstag) die Geschäfte geschlossen sind, solange man automatisch jedem Nachbarn Frohe Ostern wünscht und solange auch in nicht konfessionsgebundenen Kindergärten und Schulen Weihnachtslieder eingeübt werden, ist die religiöse Prägung christlicher Natur auch ohne elterliche Erziehung vorgegeben. Für religiöse Minderheiten wie Juden oder Muslime ist es daher besonders wichtig, den Kindern im privaten Rahmen auch die Religion ihrer Eltern zu vermitteln. Ob sie diese beibehalten wollen, müssen sie im Erwachsenenalter entscheiden.

Die Beschneidungsdebatte legt etwas frei, was man zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik in diesem Ausmaß öffentlich hören kann. Ein neues Gesetz mag zwar verhindern, dass die freie Ausübung der jüdischen Religion infrage gestellt wird. Doch der angerichtete Schaden ist kaum wieder gutzumachen. In dieser Debatte setzte sich ein Bild der Juden und Muslime als die anderen durch, die barbarischen Bräuchen anhängen und es in Kauf nehmen, das Kindeswohl zu verletzen.

Mit der Erzeugung dieses Bilds wurde bereits viel Porzellan zerbrochen. Ein bisschen mehr Wissen um die Rituale der anderen (wie auch der eigenen) Religion, ein wenig mehr Respekt vor religiösen Praktiken und nicht zuletzt ein vergleichender Blick in andere westliche und ebenso säkular geprägte Gesellschaften könnten zumindest dazu beitragen, diese Debatte zu versachlichen und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.