bedeckt München
vgwortpixel

Streit um die religiöse Beschneidung:Vermeintliche Barbaren

Nirgendwo wird so heftig über die religiöse Beschneidung von jüdischen Säuglingen und muslimischen Kindern debattiert wie in Deutschland. Wieso erfolgt dieser Aufschrei gerade hier?

Jesus und Albert Einstein fehlte sie, Bob Dylan und Prinz Charles haben sie nicht: die männliche Vorhaut. Ein Drittel aller Männer weltweit sind beschnitten, darunter auch die Mehrheit der christlichen Amerikaner. Was in großen Teilen der westlichen Welt als Selbstverständlichkeit gilt, beschäftigt seit Monaten die deutsche Öffentlichkeit. Dass Juden und Muslime ihre Kinder beschneiden lassen war auch vor der Kölner Gerichtsentscheidung kein Geheimnis. Umso erstaunlicher erscheint die plötzliche Aufregung.

Die wenigen Juden, denen es gelang, der Schoah zu entkommen, gründeten nach dem Krieg wieder eine kleine jüdische Gemeinschaft hierzulande. Sie und ihre Nachkommen beten in ihren Synagogen, bestatten ihre Toten auf jüdischen Friedhöfen, und lassen in aller Regel ihre neugeborenen Jungen eine Woche nach ihrer Geburt beschneiden. In den über sechs Jahrzehnten der Bundesrepublik war dies genauso selbstverständlich wie in der Weimarer Republik und dem Kaiserreich. Weder die Praxis der Beschneidung noch die Rechtsgrundlage haben sich geändert.

Warum also gerade jetzt diese Empörung? Zum einen war es wohl mit der Kenntnis um andere Kulturen doch nicht so weit bestellt, wie mancher vermutet hat. In den jüngsten Diskussionen wird klar, wie weit eigentlich das Unwissen über andere Religionen (und allzu oft auch über die eigene) reicht. Zum anderen sucht ein kultureller Wandel seinen Eingang ins Rechtssystem. Eine bisher zumindest an der Oberfläche vorherrschende Toleranz gegenüber religiöser Praxis macht einer oftmals dogmatischen antireligiösen Haltung Platz.

Verblüffung in aller Welt

Wieso erfolgt dieser Aufschrei gerade in Deutschland? Zwar gab es Diskussionen über die Beschneidung auch in anderen westlichen Gesellschaften, doch mit der Vehemenz der deutschen Debatte sind sie keineswegs gleichzusetzen. Würde die Beschneidung in Deutschland tatsächlich verboten werden, so wäre dies ein Schritt ohne Beispiel in einem westlichen Staat. Dass ausgerechnet in Deutschland die freie Religionsausübung der Juden (und Muslimen) infrage gestellt werden soll, wird in aller Welt mit einiger Verblüffung verfolgt.

Erstaunen muss es auch, wenn nun der Strafrechtler Reinhard Merkel (siehe SZ vom 25./26.8.) behauptet, man könne nicht weiter "maskieren", dass der eigentliche Grund, warum die Beschneidungen in Deutschland noch nicht verboten worden seien, die Rücksicht auf die eigene Geschichte sei, die "weltweit singuläre Pflicht zur besonderen Sensibilität gegenüber allen jüdischen Belangen" angesichts des "hier organisierten scheußlichsten Massenmordes der Geschichte".

Mit anderen Worten: Ein von Merkel als barbarisch charakterisierter Brauch könne den Juden nur des schlechten Gewissens der Deutschen wegen zugestanden werden. Doch wäre Deutschland ja nicht das erste Land, das die Beschneidung erlaubt, sondern das erste Land, das sie verbietet. In Staaten, die ihren jüdischen Bürgern gegenüber keine besondere Pflicht zur Sensibilität haben, steht ein Verbot der Beschneidung gar nicht im Raum. Merkel zufolge müssten aber Amerika, England oder Frankreich eigentlich die Beschneidung schon längst verboten haben.

Das Gegenteil aber ist dort der Fall. Während Merkel wie andere Beschneidungsgegner eine eindeutige medizinische Gefahr insinuieren, befürchten Mediziner in Amerika zurzeit etwas ganz anderes: Dass ein Rückgang der Beschneidungen zu einer stetigen Zunahme von Infektionserkrankungen und damit auch einem deutlichen Anstieg der Versicherungskosten führen könnte. Erst vor wenigen Tagen konnte man im gewiss unverdächtigen National Public Radio einen Bericht hören, der auf Grundlage von drei unabhängigen Studien darauf verwies, dass das Risiko der Erkrankung an Infektionen unterschiedlicher Art bei beschnittenen Männern geringer ist.

Einer Studie der renommierten Johns Hopkins University zufolge würde ein deutlicher Rückgang der Beschneidung aufgrund entstehender Infektionskrankheiten eine Zunahme der Krankenversicherungskosten um eine halbe Milliarde Dollar jährlich bedeuten. Die American Academy of Pediatrics, die größte Berufsorganisation von Kinderärzten, hat diese Woche erstmals öffentlich festgestellt, dass die Beschneidung mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt.

Es steht außer Zweifel, dass es unter Medizinern weltweit, wie in vielen anderen Fragen, so auch in der Frage der Beschneidung unterschiedliche Meinungen gibt.

Es kann keinesfalls schaden, sich auch in jüdischen und muslimischen Gemeinschaften die Argumente der Beschneidungsgegner in Ruhe anzuhören und diese zu prüfen. Doch muss die gleiche Devise auch für die Beschneidungsgegner gelten. Denn im Gegensatz zu der in dieser Debatte hierzulande häufig unterstellten Eindeutigkeit der Gefährdung des Kindeswohls argumentieren amerikanische Mediziner häufig genau umgekehrt. Die Beschneidung gilt dort nicht als barbarischer Akt, sondern als etwas ganz Normales, eine Art zusätzlicher Impfung zur Vorbeugung von Krankheiten.

Handelte es sich um einen unverantwortlichen und barbarischen Akt, der das Kindeswohl verletze, so ginge es wohl kaum an, dass die Weltgesundheitsbehörde in bestimmten Regionen die Beschneidung als Präventivmaßnahme gegen Infektionskrankheiten empfiehlt. Insofern ist der dauernd zu hörende Vergleich mit dem Schlagen von Kindern oder gar mit der weiblichen Genitalverstümmelung nicht nur eine Beleidigung von Juden und Muslimen, sondern eine Ohrfeige für viele westliche Gesellschaften und die Weltgesundheitsorganisation.

Eine Debatte kultureller Differenzen

Ist aber einmal klargestellt, dass es bei der Zirkumzision der männlichen Kinder medizinisch eben nicht ganz so eindeutig ist, wie man es hierzulande oft darzustellen versucht, so handelt es sich - ganz im Gegensatz zur weiblichen Genitalverstümmelung - um eine Debatte kultureller Differenzen.

Im deutschen Kulturgebiet ist innerhalb der christlichen Bevölkerung nicht nur die Beschneidung, sondern auch das Bewusstsein um die Beschneidung spätestens im 19. Jahrhundert nahezu verschwunden. Ein paar Bilder in den Museen deuten noch darauf hin, dass Jesus ja auch beschnitten war. Die Tatsache, dass der Neujahrstag der achte Tag nach seiner Geburt war und im christlichen Kalender lange als Circumcisio Domini begangen wurde, ist heute vor allem noch den Kirchenhistorikern bewusst. Beschneidung wird in der Volksmeinung - ganz anders etwa als in angelsächsischen Gesellschaften - lediglich mit Gewalt, Kastration, Verstümmelung und Traumatisierung verbunden.

Juden haben sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht an die Sitten und Gebräuche ihrer Umgebung angepasst. Sie haben ihre Bärte abrasiert und die jiddische Sprache abgelegt, sie haben manche Rituale über Bord geworfen. Doch selbst die Reformbewegung im Judentum, die so vieles infrage stellte, hält bis heute an der rituellen Beschneidung der Jungen als einem wichtigen Aufnahmeritus in ihre religiöse Gemeinschaft aufrecht.

Reinhard Merkel gibt in seinem Artikel gegen die Beschneidung selbst den besten Beleg für die anhaltende Popularität der Beschneidung sogar unter den völlig säkularen Israelis. 98 Prozent aller Israelis lassen ihre Kinder beschneiden, das ist ein erstaunlich hoher Anteil, verglichen mit jeder anderen religiösen Praxis. Wenn Merkel die restlichen zwei Prozent (Tendenz steigend) als Beweis dafür anführt, dass diese Praxis nicht als rituelle Aufnahme in den Bund des Judentums dienen müsse, ist dies wenig erstaunlich. Es gibt schließlich auch eine ganze Reihe christlich aufgewachsener Eltern, die ihre Kinder nicht taufen lassen. Dennoch wird die Kirche die Taufe weiterhin als ebenso selbstverständlichen Aufnahmeritus betrachten wie das Judentum und der Islam die Beschneidung.

Von Beschneidungsgegnern ist oftmals das Argument zu hören, Kindern dürfe von den Eltern keine Religion aufgezwungen werden, die Jugendlichen sollten sich vielmehr im Alter von 14 oder 16 Jahren ihre religiöse Zugehörigkeit frei wählen dürfen. Das ist gewiss schön gedacht, doch ebenso wenig realisierbar wie die beliebige Wahl der eigenen Nationalität oder der Sprachgemeinschaft. Ob man will oder nicht, erfolgt in diesen Bereichen eine entscheidende Prägung bereits vorher. Insbesondere für religiöse Minderheiten würde eine solche "freie Wahl" wohl ihr Ende bedeuten. Denn unsere "säkulare" Gesellschaft ist durch und durch christlich geprägt.

Solange am Sonntag (und eben nicht am Freitag oder Samstag) die Geschäfte geschlossen sind, solange man automatisch jedem Nachbarn Frohe Ostern wünscht und solange auch in nicht konfessionsgebundenen Kindergärten und Schulen Weihnachtslieder eingeübt werden, ist die religiöse Prägung christlicher Natur auch ohne elterliche Erziehung vorgegeben. Für religiöse Minderheiten wie Juden oder Muslime ist es daher besonders wichtig, den Kindern im privaten Rahmen auch die Religion ihrer Eltern zu vermitteln. Ob sie diese beibehalten wollen, müssen sie im Erwachsenenalter entscheiden.

Die Beschneidungsdebatte legt etwas frei, was man zum ersten Mal seit Bestehen der Bundesrepublik in diesem Ausmaß öffentlich hören kann. Ein neues Gesetz mag zwar verhindern, dass die freie Ausübung der jüdischen Religion infrage gestellt wird. Doch der angerichtete Schaden ist kaum wieder gutzumachen. In dieser Debatte setzte sich ein Bild der Juden und Muslime als die anderen durch, die barbarischen Bräuchen anhängen und es in Kauf nehmen, das Kindeswohl zu verletzen.

Mit der Erzeugung dieses Bilds wurde bereits viel Porzellan zerbrochen. Ein bisschen mehr Wissen um die Rituale der anderen (wie auch der eigenen) Religion, ein wenig mehr Respekt vor religiösen Praktiken und nicht zuletzt ein vergleichender Blick in andere westliche und ebenso säkular geprägte Gesellschaften könnten zumindest dazu beitragen, diese Debatte zu versachlichen und wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzuführen.

Der Autor ist Lehrstuhlinhaber für jüdische Geschichte und Kultur an der Ludwig-Maximilians-Universität in München.