Streit um die Evolution des Menschen Falsche Fossilien falsch datiert?

Ein britischer Experte übt heftige Kritik an spanischen Kollegen. Ihm zufolge gehören ihre angeblich 600.000 Jahre alten Fossilien des "Homo heidelbergensis" zu einer anderen Art - und sind außerdem 200.000 Jahre jünger.

Einer der führenden britischen Evolutionsbiologen stellt wichtige Ergebnisse spanischer Kollegen in Frage, die Fossilien des Homo heidelbergensis untersucht haben. Die Knochen aus einer Höhle in Norden Spaniens gehörten zum einen nicht zu dieser Frühmenschenart, behauptet Chris Stringer vom Natural History Museum in London.

Der Schädel eines Frühmenschen aus der Sima de los Huesos bei Burgos, Spanien. Handelt es sich um einen Homo heidelbergensis oder einen frühen Neandertaler?

(Foto: AFP)

Und, schreibt er im Fachmagazin Evolutionary Anthropology, sie seien auch nicht 600.000 Jahre alt, sondern nur 400.000 Jahre.

Der Streit wirft ein Licht auf die Probleme, mit denen Paläoanthropologen bei den Versuchen zu kämpfen haben, verschiedene Arten von Ur- und Frühmenschen voneinander abzugrenzen und in Abstammungslinien bis zu den modernen Menschen zu stellen.

Homo heidelbergensis hat verschiedenen Schätzungen zufolge vor 600.000 bis 200.000 Jahren existiert. Der namensgebende Fund war ein Unterkiefer, der 1907 in einer Sandgrube bei Heidelberg entdeckt wurde. Besonders viele Fossilien des Heidelbergmenschen wollen Forscher um Juan Luis Arsuaga von der Universidad Complutense de Madrid in der Sima de los Huesos (Knochengrube) in der Atapuerca-Höhle gefunden haben.

Seit 1990 konnten sie die Überreste von insgesamt 28 verschiedenen Individuen identifizieren, die sie auf ein Alter von etwa 600.000 Jahren schätzen. Die Paläontologen gehen davon aus, dass es sich um Vorfahren der Neandertaler handelt, einen Urmenschen, der sich parallel zum modernen Homo sapiens entwickelte und bis vor etwa 30.000 Jahren existierte.

Chris Stringer aber ist überzeugt, dass der Heidelbergmensch jünger ist und in die Ahnenreihe des modernen Menschen gehört. In der Grube in der spanischen Höhle dagegen befänden sich auch gar keine Knochen dieser Art, sondern Neandertalerknochen.

Viele der Skelette, die in La Sima ausgegraben wurden, zeigten Stringer zufolge eindeutige Neandertalermerkmale, berichtet die britische Zeitung Guardian. "Insbesondere die Form der Zähne und Kieferknochen ist derjenigen von Neandertalern sehr ähnlich." Da aber alle Hinweise zeigen, dass der Neandertaler sich vor 600.000 Jahren noch nicht entwickelt hatte, sondern frühestens 200.000 Jahre später auftrat, müsste die Datierung der Spanier falsch sein.

"Die Funde von Atapuerca sind sehr wichtig", erklärte Stringer in der Zeitung. Es gebe keine andere Stelle, wo so viele Knochen und Schädel unserer urzeitlichen Vorgänger gefunden wurden. Und die spanischen Kollegen hätten bei den Ausgrabungen ausgezeichnete Arbeit geleistet.

Aber "wenn wir das Alter und die Identität der Überreste nicht richtig bestimmen können, sind wir in Schwierigkeiten. Machen wir das falsch, beeinflusst dies das Verständnis unserer eigenen Evolution." Wie der Guardian berichtet, wird Stringers Kritik von einigen Kollegen wie dem französischen Paläogenetiker Phillip Endicott vom Musée de l'Homme in Paris unterstützt.