bedeckt München

Cyborg Foundation:Diese Frau vibriert, wenn die Erde bebt

Die spanische Künstlerin Moon Ribas hat am Dartington College of Arts in England studiert und lebt jetzt in den USA.

(Foto: OH)

Moon Ribas hat einen Sensor implantiert, der vibriert, wenn irgendwo auf der Welt die Erde bebt. Je heftiger die Erdstöße, desto wilder tanzt sie.

Von Hakan Tanriverdi, New York

Moon Ribas steht in einem kleinen Kellerraum in Manhattan, um sie herum vielleicht 50 Personen, und wartet darauf, dass die Erde bebt. Ribas steht im Mittelpunkt der Menschenmenge, ihre Arme ausgestreckt. In ihrem linken Oberarm steckt ein kleiner Rechner, der nur einen zweistelligen Betrag kostet und über ein Smartphone aufs Internet zugreifen kann. Der Rechner ruft eine Datenbank ab, genauer: Er schaut in Echtzeit nach, ob eine neue Zeile hinzugefügt wird. Eine neue Zeile, das bedeutet ein Erdbeben, irgendwo auf der Welt. "Wenn die Erde nicht bebt, werde ich nicht tanzen", sagt Ribas.

Minutenlang bleibt ihr Körper versteinert, sie ist eher Statue als Mensch. Doch die Erde bebt ununterbrochen, alleine im vergangenen Monat gab es 2200 Beben ab der Stärke 2,0 auf der Richterskala. Also 73 Beben am Tag, eine konstante Bewegung, die unspürbar fein bleibt. Die Besucher fangen an, Smalltalk zu führen und wenden den Blick von Ribas ab. Als sie beginnt zu tanzen, ertönt Sekunden später eine Roboterstimme aus den Lautsprechern: "Ein Erdbeben der Stärke 2,1 in Kalifornien."

Es ist ein kleines Beben, also schickt der Rechner nur schwache Vibrationen an den Sensor im Arm der 30 Jahre alten Spanierin. An diesen Vibrationen orientiert sie sich. Nur ihr Oberkörper bewegt sich. Doch ihre Bewegungen reichen aus, um den Boden unter den Füßen der Zuschauer deutlich fragiler erscheinen zu lassen. Die Anwesenden brechen ihre Gespräche ab, nur sphärische Musik fließt aus den Lautsprechern.

Moon Ribas interessiert sich seit Jahren für Bewegungen. Zu Beginn trug sie einen Ring, den sie auf Menschen oder Autos richtete und der anschließend anzeigte, wie schnell diese sich bewegen, erzählt sie bei einem Treffen in der Nähe des berühmten Flatiron-Gebäudes. "Es ist schon lustig zu sehen, dass die Menschen in einer Stadt dazu neigen, sich ungefähr gleich schnell zu bewegen. In der Vatikanstadt rennt niemand, in New York passiert das ständig." Zu einem vergleichbaren Ergebnis kamen auch Forscher der ETH Zürich. Ein Auto hupt, und es wirkt wie eine Bestätigung. "Aber das war pure Information. Wie schnell die Menschen gehen, kann ich ja mit dem bloßen Auge sehen", sagt Ribas. Also trug sie für ihr nächstes Projekt Ohrringe mit integrierten Sensoren. Ging ein Mensch an ihr vorbei, vibrierte das entsprechende Läppchen. "Ich konnte meine Augen schließen und die Menschen um mich herum spüren." Die Sensoren richtete sie anschließend nach hinten, um Bewegungen wahrzunehmen, die hinter ihrem Rücken stattfanden. "Dabei ist mir aufgefallen, wie viel wir verpassen", sagt Ribas und erklärt, dass sie in dieser Zeit genau wusste, wenn es eine Person besonders eilig hatte, um sie zu überholen.

"Technik ermöglicht es uns, ein tieferes Verständnis für unsere Umwelt zu entwickeln"

Gemeinsam mit Neil Harbisson gründete Ribas 2010 die Cyborg Foundation. Harbisson trägt einen Sensor am Kopf. Da er selbst die Welt nur in Graustufen wahrnehmen kann, weil er farbenblind ist, übersetzt ihm der Sensor seine Umwelt in Töne. Harbisson sucht sich seine Kleidung danach aus, wie schick sie sich anhört. Ribas entscheidet sich für einen sechsten Sinn, den sie ihren "unregelmäßigen Herzschlag" nennt. "Es ist sehr faszinierend, wie anders ich die Welt seitdem wahrnehme." Sie fühle sich der Natur stärker verbunden. "Technik führt nicht dazu, dass wir uns fühlen wie Maschinen. Im Gegenteil. Sie ermöglicht es uns, ein tieferes Verständnis für unsere Umwelt zu entwickeln", sagt Ribas. Als es 2015 zu einem Erdbeben in Nepal mit der Stärke 7,9 kam, waren die Vibrationen so stark, dass sie davon geweckt wurde. "Es war ein schreckliches Gefühl", sagt sie. Mehrere Tausend Menschen kamen ums Leben.

Moon Ribas bei einer Performance

(Foto: Will Clapson / Cyborg Arts)

Ribas ist 1,70 Meter groß und trägt vor allem schwarze Kleidung und dazu schwere Lederstiefel. Während der Performance ist sie jedoch barfuß und steckt in einer weißen Leinenhose. Nachdem das Erdbeben abebbt, verharrt sie wieder in der Position mit den ausgestreckten Armen; als ob sie an einem Kreuz hinge.

Die Menschen im Raum vergessen Ribas wieder. Während ihrer Aufführung, die knapp eine halbe Stunde dauert, wird es noch einmal beben, Stärke 3,9, in der Türkei. Da Erdbeben logarithmisch gemessen werden, ist dieses Beben fast 500-mal so stark wie das in Kalifornien ein paar Minuten davor.

Moon Ribas tanzt. Ihre Bewegungen sind ruckartiger. Man hört sie atmen. Während einige ihrer Performances seien die Erdbeben so heftig gewesen, dass sie während des Tanzens die Balance verloren habe und hingefallen sei, sagt sie. An diesem Tag bleibt sie stehen. Solange sie tanzt, schweigen die Menschen, ist sie alles, was zählt.

Aktualisierung: Das Erdbeben ist 500-mal stärker, nicht 20-mal, wie in diesem Artikel fälschlicherweise behauptet wurde. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

© SZ vom 11.05.2016

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite