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Schimpanse als Stratege:Mit Steinen gegen Zoobesucher

Schon morgens sammelte Santino Steine, um später damit zu werfen. Biologen sehen darin den Beleg für ein weit entwickeltes Bewusstsein.

Markus C. Schulte von Drach

Ganz offensichtlich konnte es Santino nicht leiden, im Zoo den Besuchern vorgeführt zu werden. Eine Chance, dies zu verhindern, hatte der Schimpanse im Furuvik-Tierpark im schwedischen Gävle nicht.

Schimpansenmännchen Santino legte sich ein Depot mit Steinen an, um später Zoobesucher zu bewerfen.

(Foto: Foto: AP/Furuvik Zoo)

Aber immerhin demonstrierte er seinen Unwillen auf eindringliche Weise: Er sammelte bereits in den Morgenstunden Steine und Betonbrocken. Gegen Mittag dann warf er damit nach den Besuchern.

Seit zehn Jahren zeigte Santino dieses Verhalten. Und er legte nicht nur in aller Ruhe ein Munitionsdepot an - er präparierte seine Geschosse gezielt. So zerschlug er Stücke aus einer künstlichen Insel im Affengehege. War einer der Brocken zu groß, zerkleinerte er ihn zu einem scheibenförmigen Projektil.

Getroffen hat Santino nur selten und verletzt wurde niemand. Trotzdem wurden die Zoobesucher gebeten, Abstand zu halten. Außerdem versuchten die Wärter, dem Affen die Geschosse wegzunehmen, bevor er sie einsetzen konnte.

Forscher um Mathias Osvath von der Universität von Lund haben Santino gezielt beobachtet und die Berichte der Zoowärter ausgewertet. Wie sie jetzt im Fachmagazin Current Biology feststellen, ist dem Affen demnach nicht nur bewusst, womit er in Zukunft rechnen muss. Er bereitete sich auf die zu erwartenden Ereignisse und sogar seine eigenen zukünftigen Gefühle, seinen mentalen Zustand, auch gezielt vor.

Ihre Beobachtungen, erklärte Osvath, deuteten darauf hin, dass Menschenaffen ein weit entwickeltes Bewusstsein besitzen. "Sie verfügen sehr wahrscheinlich über eine 'innere Welt' wie wir, wenn es darum geht, sich an vergangene Ereignisse unseres Lebens zu erinnern oder an bevorstehende Tage zu denken".

Bislang waren die meisten Wissenschaftler sich in diesem Punkt nicht sicher. Menschenaffen wurden zwar dabei beobachtet, dass sie zum Beispiel Zweige abbrechen und damit Termiten aus ihrem Bau angeln oder Steine zum Knacken von Nüssen verwenden. Doch dieses Verhalten könnte immer durch gegenwärtige Umstände ausgelöst werden, nicht durch das Vorhersehen zu erwartender Bedingungen.

Auch Verhalten der meisten anderen Tiere wie das Sammeln von Vorräten für den Winter gilt als Folge eines genetisch festgelegten Programms, und nicht als Ergebnis rationaler Entscheidungen. Menschen dagegen wägen in der Regel ab, was sie wofür brauchen werden - und besorgen es dann.

"Der Fall Santino ist etwas Besonderes"

Gezielte Experimente mit Schimpansen in Gefangenschaft wiesen zwar bereits auf ähnliche Fähigkeiten hin, wie sie Santino gezeigt hat. Doch damit war noch nicht belegt, dass die Menschenaffen sie auch in der freien Natur einsetzen.

Auch Santino lebt zwar nicht in Freiheit - immerhin war sein Verhalten jedoch keine Folge gezielter wissenschaftlicher Versuche oder Manipulationen.

Deshalb, so Osvath, sei sein Fall etwas Besonderes. Seine Handlungen wurden nicht durch aktuelle Reize oder einen gegenwärtigen inneren Zustand ausgelöst. Schließlich sammelte der Schimpanse seelenruhig Steine. Erst angesichts der Besucher bekam er, wie erwartet, seine Wutausbrüche. Er vermutet, dass auch wilde Schimpansen in der Lage sind, ihren Tag ein Stück weit zu planen.

Wie Christophe Boesch vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Verhaltensforschung in Leipzig dem Fachmagazin New Scientist erklärte, sei die Studie zwar auf ein einzelnes Tier beschränkt und könne nicht auf eine ganze Art verallgemeinert werden. Doch sie sei "extrem überzeugend".

Für Santino ist die Angelegenheit übrigens nicht gut ausgegangen. Dem Tierpark war der Affe schließlich zu aggressiv. Deshalb wurde er inzwischen kastriert.

© sueddeutsche.de/tob
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