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Umweltschutz:Mit Batz gegen Krach

Die Streifen aus gebranntem Lehm bremsen Erosion und bieten Unterschlupf für Insekten.

(Foto: Dieter Günnewig)

Ein Dorf in Brandenburg will eine Lärmschutzwand aus Lehm erreichten und dem umweltfreundlichen Baustoff nebenbei zum Durchbruch verhelfen.

Von Andrea Hoferichter

Der Prototyp für eine besonders umweltfreundliche Lärmschutzwand steht neben einem Kindergarten im Brandenburger Örtchen Nebelin. Die beige-graue Wand aus Lehm, acht Meter lang und fast zweieinhalb Meter hoch, soll allerdings nicht die Geräusche der Jüngsten dämpfen. Vielmehr ist sie die Antwort der Dorfbewohner auf die geplante und von vielen ungeliebte Autobahn A14, die bald die Prignitzer Landschaft durchschneiden wird.

"Wir wollen eine Schutzmauer für Menschen und Tiere bauen, den Naturschutz sozusagen hochklappen", sagt die Künstlerin Ute Reeh. Sie leitet das von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt und dem brandenburgischen Umweltministerium geförderte Projekt und hat Menschen und Unternehmen aus der Region zusammengetrommelt, außerdem Lehmbauexperten, Ingenieure und eine Biologin.

Das Team ist überzeugt, dass Lehm die bessere, da umwelt- und klimafreundlichere Alternative zu klassischen Lärmschutzwänden aus Beton, Stahl oder Aluminium ist. Der Mix aus Sand, Steinen und Ton lässt sich leicht recyceln und ist fast überall auf der Welt vorhanden. Im Nebeliner Fall könnte er etwa aus dem Aushub für die Autobahn gewonnen werden, vor Ort mit Schotter oder Stroh zu großen Bauklötzen gepresst und mit einem Kran aufeinandergestapelt werden. Das Material ist mit rund zwei Tonnen pro Kubikmeter ungefähr so schwer wie Beton und schluckt deshalb auch den Schall ähnlich gut. Ein Dach aus Blech und ein Sockel aus Beton schützen vor zu viel Nässe.

In die Wand sind Wohnhöhlen für Insekten eingelassen

"Lehm ist ein historisch bewährter Baustoff, der technologisch noch in die Jetztzeit übersetzt werden muss", sagt Reeh. Auch das wolle das Team mit dem Projekt leisten und mobile Maschinen für die Produktion im großen Stil entwickeln. Immerhin muss die Wand an der Autobahn mindestens 570 Meter lang und sieben Meter hoch werden. "Die Methoden könnten dann auch im Hochbau genutzt werden", betont die Künstlerin.

Die Wand sei aber nicht nur technisch interessant, sondern habe auch die Menschen aus der Region zusammengebracht. Kinder und Jugendliche der umliegenden Dörfer haben Ziegelrohlinge eines lokalen Dachziegelwerks in die Mauer eingebaut und Löcher hineingebohrt, als naturnahe "Apartments" für Insekten. Außerdem haben sie Elemente aus weichem Lehm integriert, in die Bienen und Vögel selber Höhlen graben können, und allerlei Blühendes gesät, als Bienenfutter.

Erst kürzlich konnte Reeh eine ansässige Schlosserei, die unter anderem Restmüllpressen für Mülldeponien wartet, für das Projekt gewinnen. Mit welchen Kniffen sich die Pressen für den Lehmbau nutzen lassen, sollen Masterstudierende der Technischen Hochschule Lübeck in den nächsten Monaten herausfinden. Dort testen sie auch die mechanischen Eigenschaften des Prignitzer Lehms. Sie messen, wie viel Schall er schluckt und erstellen eine wirtschaftliche Bilanz über den gesamten Lebenszyklus. "Bei den Investitionskosten sind Beton und Metalle zurzeit billiger als Lehm. Rechnet man aber Entsorgungs-, Recyclings- oder Deponiekosten mit ein, sieht die Bilanz vermutlich ganz anders aus", sagt der Lübecker Architekturprofessor Heiner Lippe.

Welcher Lehmbaustoff eignet sich am besten für den Lärmschutz?

Die Untersuchungen sollen außerdem Aufschluss darüber geben, welcher Lehmbaustoff am geeignetsten ist. Im Rennen ist zum einen sogenannter Stampflehm, ein recht trockener Mix aus Lehm und Schotter. Der ebenfalls am Projekt beteiligte Lehmbauer Martin Rauch aus Österreich hat aus knapp fünf Tonnen schweren Stampflehmelementen unter anderem Gebäude für die Unternehmen Ricola und Alnatura errichtet. Die zweite Materialvariante kombiniert Lehm mit Stroh, das wie eine Stahlarmierung im Beton wirkt. Sie heißt Wellerlehm, enthält mehr Wasser, ist verformbarer und im trockenen Zustand etwas leichter.

Ganz gleich, welches Material am Ende die Nase vorne hat, muss die später sieben Meter hohe Lärmschutzwand gut einen Meter dick sein, damit sie von alleine steht. Eine Alternative wären schlankere Lehmbauteile zwischen Stützpfeilern. Besonders wichtig ist dem Projektteam das Rezept aus lokalen Zutaten. Deshalb kommt eine Methode der italienischen Firma Wasp, die mit einem eigens dafür entwickelten 3D-Drucker Hauswände aus Lehm, Abfällen aus dem Reisanbau und Kalk baut, für das Projektteam nicht infrage.

"Wir werten jetzt aus: Wie stabil ist die Wand mit welchen Konzepten? Wie gut sind die Schallschutzeigenschaften? Und wie ökonomisch kann das Ganze sein?", fasst Reeh zusammen. Bis Ende September müssen die Ergebnisse vorliegen, damit die Lärmschutzwand aus Lehm im Planungsverfahren zur Autobahn berücksichtigt wird. Reeh ist optimistisch. "Das ist wissenschaftliche Akkordarbeit, aber machbar", sagt die Künstlerin.

© SZ
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