Raumfahrt Die Wildnis im Blick

Aktuelles Lexikon: Icarus

In Ovids Metamorphosen ist die Geschichte über Icarus, den Sohn des Erfinders Daedalus, eine Parabel über die Verführung durch Hybris. Von König Minos auf Kreta festgehalten, baut Daedalus Flügel aus Federn und Wachs für sich und seinen Sohn, um von der Insel zu fliehen. Daedalus "ändert schlau die Natur", heißt es bei Ovid - und eben das wird ihm und Icarus zum Verhängnis. Denn der Sohn, der erst arglos dem Vater beim Bauen der Flügel zuschaut, gibt nachher wenig auf dessen Warnung, der Sonne nicht zu nah zu kommen, und stürzt ins Meer. Icarus, der sich von seiner "Lust nach dem Himmel" verleiten ließ, kann deshalb kaum als Vorbild gelten. Und doch gibt die Sagenfigur einem deutsch-russischen Tierbeobachtungsprojekt den Namen: Am Mittwoch installierten zwei Kosmonauten eine Antenne an der Raumstation ISS, mit deren Hilfe Vogelschwärme, aber auch Ziegen oder Bären verfolgt werden sollen. Der Projektname kann nur als Mahnung gemeint sein, den Warnungen diesmal Glauben zu schenken. Denn "Icarus" soll Daten liefern für ein Frühwarnsystem vor Naturkatastrophen wie Erdbeben und Vulkanausbrüchen, aber auch vor Epidemien. Das lässt an Baudelaires Gedicht "Die Klagen eines Ikarus" denken: "Ich hoffte, im Raum zu erkennen/Der Dinge Mitte und Schluss". Karin Janker

Eine Antenne, die Astronauten an der Internationalen Raumstation ISS befestigt haben, soll helfen, Wanderungen von Tieren zu erforschen.

In einem siebenstündigen Außeneinsatz haben zwei russische Kosmonauten an der Internationalen Raumstation ISS eine Antenne für das Tierforschungsprojekt "Icarus" installiert. Mit dem Instrument können Wissenschaftler die Bewegungen verschiedenster Tierarte auf der Erde verfolgen: Fledermäuse, Wasserschildkröten, Ziegen oder Vögel. Die Tiere müssen hierzu kleine Sender auf dem Rücken tragen, die eine 15 Zentimeter lange Drahtantenne und eine Speicherleistung von 500 Megabyte haben. Sobald die ISS-Antenne in Reichweite ist, setzen die Sender ein Datenpaket per Funk ab. "Das System erlaubt uns nicht nur zu beobachten, wo ein Tier ist, sondern auch, was es gerade tut", sagt Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, der das Projekt konzipiert hat. Zunächst sollen eintausend Tiere mit einem Sender bestückt werden, die Zahl soll aber auf 100 000 steigen. Künftige Sender sollen so klein sein, dass sogar Schmetterlinge oder Heuschrecken sie tragen können. Das Auge im All wird dabei nicht nur Migrationsbewegungen von Tieren verfolgen. Icarus könnte auch als Frühwarnsystem für Epidemien und Naturkatastrophen dienen.