Raumfahrt Der Mann, der ins All wollte

Während Sigmund Jähn, der 32 Kilometer entfernt im sächsischen Morgenröthe-Rautenkranz aufwuchs, schnell Karriere bei den Jungen Pionieren, der FDJ und später in der Nationalen Volksarmee machte, hielt Merbold Distanz zum Staat. "Als ich Abitur machte, war ich der einzige Schüler unserer Schule, der nicht der FDJ angehörte", erinnert sich der heute 67-Jährige nicht ohne Stolz.

An das geplante Physik-Studium in Jena war ohne "gesellschaftliche Arbeit" allerdings nicht zu denken. Merbold fuhr nach Berlin, radelte wenige Monate vor dem Mauerbau in den Westteil der Stadt und landete schließlich an der Universität Stuttgart. Von dort ging es nur noch aufwärts.

Als Sigmund Jähn im September 1978 nach seinem All-Ausflug zurück nach Ostberlin kam, wurde er in einen offenen Wagen gesetzt und durfte drei Stunden lang an der Seite von Erich Honecker durch die Hauptstadt fahren. Überall hingen Plakate, überall jubelten Menschen. Er wurde Generalmajor, musste Hände schütteln und programmatische Reden halten, die ihm nicht gefielen.

"Mann des Jahres"

Auch Merbold wurde, als er wieder in Stuttgart landete, umgehend in eine Limousine der Landesregierung gesteckt. Allerdings gab es keine Parade, sondern es ging direkt zu Ministerpräsident Lothar Späth. Der heftete dem damals mit Abstand prominentesten Sohn des Ländles die baden-württembergische Verdienstmedaille ans Revers. Merbold reagierte auf seine Art und flüchtete erst einmal auf eine Skihütte ins Unterengadin - wo es weder Telefon noch Fernseher gab.

Dem Bedürfnis der Mächtigen, sich mit ihm zu schmücken, konnte er auf Dauer aber nicht entfliehen. Es folgten Termine bei Bundespräsident, Bundeskanzler, Forschungsminister. Es gab eine Tournee durch alle elf Esa-Mitgliedsstaaten - mit noch mehr Königen, Präsidenten und Ministern. Schließlich wurde Merbold auch noch zum "Mann des Jahres" gekürt. "Ich kann schon sagen, dass mir das gefallen hat - obwohl ich es nicht brauche, als Held gefeiert zu werden", sagt er später in der ihm eigenen Mischung aus Zurückhaltung und Selbstbewusstsein.

Auch Sigmund Jähn kam Merbold schließlich näher - von Vogtländer zu Vogtländer: Der Westdeutsche verschaffte dem Ostdeutschen, der als Generalmajor in der Bundeswehr nicht mehr erwünscht war, Jobs bei den Raumfahrtagenturen. Jähn revanchierte sich, indem er Merbold während dessen Vorbereitung auf seinen Flug zur Raumstation Mir im russischen "Sternenstädtchen" unterstützte.

Den Mauerfall hatten die beiden zuvor während einer Astronautenkonferenz in Saudi-Arabien erlebt - angeblich saßen sie nebeneinander im Hotelzimmer und folgten gebannt dem Geschehen auf dem Schirm. Die Frage nach der Nummer eins und zwei hatte sich damit ein für allemal erledigt.