Rätselhafter Anschlag in Italien:Verbranntes Wissen

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Rätselhafter Anschlag in Italien: Nach dem Brand im Wissenschaftsmuseums Città delle Scienze in Bagnoli bei Neapel

Nach dem Brand im Wissenschaftsmuseums Città delle Scienze in Bagnoli bei Neapel

(Foto: AFP)

Es ist ein Rätsel, wer den Brand in Italiens größtem Wissenschaftsmuseum gelegt hat. Steckt die Mafia dahinter? Entsprechende Warnungen gab es keine. Nun wird diskutiert, ob das zerstörte Museum wieder aufgebaut werden soll - und wer das bezahlt.

Von Henning Klüver

Das Feuer brach am Abend des 4. März aus. Der Nachthimmel färbte sich blutrot. Die Flammen zerstörten fast den gesamten Ausstellungsbereich des zwischen 1996 und 2001 eingerichteten Wissenschaftsmuseums Città delle Scienze in Bagnoli bei Neapel. Dabei wurden nicht nur das dazugehörige Planetarium sowie Dutzende Geräte und interaktive Einrichtungen des Science Center zerstört, sondern auch die Exponate einer temporären Ausstellung über den Polarforscher Fridtjof Nansen, die aus norwegischen Museen stammten.

Vor allem ging mit den Ausstellungsräumen in den restaurierten Hallen einer ehemaligen Glashütte vom Anfang des 19. Jahrhunderts ein Industriedenkmal in Flammen auf. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft lag ein klarer Fall von Brandstiftung vor, weil das Feuer gleichzeitig an mehreren Stellen ausgebrochen war.

Bislang gibt es keine Hinweise auf den oder die Täter. In Neapel spekuliert man schnell über Mafia-Hintergründe, offen bleibt hier allerdings das Motiv. Vor dem Brandanschlag hat es anscheinend auch keine der sonst üblichen Bedrohungsszenarien wie Erpressungen oder Schutzgeldforderungen gegeben.

Brandanschlag als Warnung?

Doch dieser Küstenabschnitt mit teils verwahrlosten Gebieten oder Brachland bietet für das organisierte Verbrechen viele Schlupflöcher für die Anlandung und Lagerung von Drogen und anderen Schmuggelwaren. Eine im öffentlichen Interesse stehende Einrichtung mit starkem Publikumsverkehr kann hier die Kreise der Camorra nur stören. Den Brandanschlag könnte man so als "Ratschlag" lesen, die Città delle Scienze besser an eine andere Stelle zu verlegen.

Die Ermittlungen dauern an, das betroffene Gelände ist nach wie vor behördlich gesperrt. Der Physiker Vittorio Silvestrini, Präsident der Museumsstiftung, setzt sich für einen Wiederaufbau der Ausstellungshallen ein, "wie sie waren und wo sie waren", um möglichen "verbrecherischen Forderungen" nicht nachzugeben und ein "Zeichen der Legalität" zu setzen. Er hat auch bereits konkrete Zeitvorstellungen. Binnen 18 Monaten könnte die gesamte Einrichtung wieder aufgebaut werden, offen bliebe allein der davor liegende Zeitraum für bürokratische Abwicklungen.

Kostenfrage ungeklärt

Offen bleibt allerdings auch die Deckung der geplanten Kosten von rund 25 Millionen Euro. Trotz vielseitiger Solidaritätsbekundungen von der Stadtverwaltung Neapel, für die die Città delle Scienze mit jährlich rund 350 000 Besuchern auch ein Imagefaktor war, bis zur Regionalverwaltung Kampaniens und der Regierung in Rom hat Silvestrini noch keine schriftlichen Zusagen.

Er hofft jetzt auf ein Darlehen der Europäischen Investitionsbank. Ohne wissenschaftliches Grundwissen breiter Bevölkerungsschichten, so der 78-jährige Physiker, könne es in heutigen Gesellschaften keine demokratische Entwicklung geben. Besonders für die Zukunft Süditaliens sei der Aufbau eines Wissenschaftszentrums nicht nur wirtschaftlich, sondern auch "gesellschaftlich, kulturell und menschlich" grundlegend.

Silvestrini hatte mit ersten populären Wissenschaftsausstellungen von 1987 an den Grundstock für die Gründung der Città delle Scienze am Rande des großen, heute verlassenen Industriegebiets von Bagnoli am Golf von Neapel gelegt. So entstand direkt am Meer eines der bedeutendsten Wissenschaftszentren Italiens.

Die Hauptabteilungen beschäftigten sich mit den Themenfeldern Biologie, Physik und Astronomie. In Bau, der aber seit mehr als einem Jahr stillliegt, sind neue Gebäudeteile für Ausstellungen zum menschlichen Körper sowie eine Freilichtarena. Zusammen mit dem neapolitanischen Dorn-Institut für Meeresforschung wird das Habitat von Meeresschildkröten untersucht. Zur Città delle Scienze gehören auch eine Inkubationsabteilung für Hightech-Start-up-Unternehmen sowie ein Kongresszentrum. Diese Bereiche sind zum Glück vom Feuer verschont geblieben.

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