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Psychologie:Verwahrloste Straßen, verwahrloste Sitten

Experimente belegen erstmals: Graffiti, Müll und andere Anzeichen fehlender öffentlicher Ordnung senken die Hemmschwelle, Normen zu verletzen.

T. Baier

Im Jahr 1969 parkte der Psychologe Philip Zimbardo mitten in der New Yorker Bronx ein Auto, schraubte die Nummernschilder ab, öffnete die Motorhaube und ging davon. Zehn Minuten später begann eine Familie - Vater, Mutter und achtjähriger Sohn - das Auto auseinanderzunehmen.

Zerbrochene Fenster, Graffiti an den Wänden oder Müll auf der Straße können letztlich zur Verwahrlosung ganzer Stadtviertel führen.

(Foto: Foto: ddp)

Nach drei Tagen war das Fahrzeug ausgeschlachtet und demoliert. Als Zimbardo dasselbe Experiment in Palo Alto, einer ordentlichen Kleinstadt in Kalifornien wiederholte, stand das Auto noch nach einer Woche unberührt da. Ein Passant schloss sogar die Motorhaube, als es anfing zu regnen. Erst als Zimbardo selbst mit einem Vorschlaghammer die Scheiben einschlug, begannen auch andere, das Auto zu zerstören.

Das Experiment wurde zur Grundlage der sogenannten Broken-Windows-Theorie. Demnach senken Anzeichen fehlender öffentlicher Ordnung wie zerbrochene Fenster, Graffiti an den Wänden oder Müll auf der Straße die Hemmschwelle von Menschen, gesellschaftliche Normen zu verletzen und Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten zu begehen. Das könne innerhalb kürzester Zeit zur Verwahrlosung ganzer Stadtviertel führen.

Wissenschaftler der Universität Groningen haben die Theorie nun erstmals mittels empirischer Experimente bestätigt (Science, online).

Das erste Experiment arrangierten die niederländischen Sozialpsychologen an einem Abstellplatz für Fahrräder in einem Einkaufsviertel von Groningen. Im ersten Durchlauf war die Wand sauber, an der die Fahrräder geparkt wurden; im zweiten war sie trotz eines deutlich sichtbaren Verbotsschilds mit Graffiti besprüht. Dann knoteten die Forscher Werbeflyer eines imaginären Sportgeschäfts an die Lenker der Fahrräder und beobachteten, was passierte.

Wenn die Wand sauber war, warfen ein Drittel der 77 beobachteten Personen, die ihr Fahrrad abholten, den Flyer auf den Boden oder hängten ihn an ein anderes Fahrrad. Waren die Wände besprüht, taten dies mehr als doppelt so viele.

Ähnlich deutlich (52 Prozent zu 80 Prozent) war das Ergebnis, wenn keine Graffiti an der Wand waren, dafür aber in der Nähe Feuerwerkskörper explodierten, was in den Niederlanden außer an Silvester verboten ist. Das Signal zur Normverletzung muss also nicht optisch, sondern kann auch akustisch sein.

Dass eine verwahrloste Umgebung Menschen offenbar sogar zum Stehlen verleiten kann, zeigten zwei weitere Experimente. Dabei ließen die Psychologen einen Briefumschlag, der deutlich sichtbar einen Fünf-Euro-Schein enthielt, aus einem öffentlichen Briefkasten heraushängen.

Unter normalen Umständen nahmen 13 Prozent der Passanten den Brief mit. Der Rest ließ ihn stecken oder schob ihn sogar weiter in den Schlitz. War der Briefkasten hingegen voller Graffiti, ließen 27 Prozent den Umschlag mitgehen; 25 Prozent stahlen das Geld, wenn der Boden um den Briefkasten herum mit Müll übersät war.

Dass umgekehrt eine ordentliche Umgebung dazu beitragen kann, die Häufigkeit von Kleinkriminalität und sogar von schweren Verbrechen zu senken, zeigte sich Mitte der 1990er Jahre in New York. Der damalige Polizeichef der Stadt berief sich auf die Broken-Windows- Theorie als er eine Strategie entwickelte, um die damals extrem hohe Kriminalität zu bekämpfen.

Seine Maßnahmen machten New York innerhalb relativ kurzer Zeit wieder sicherer. Dazu gehörte neben einer Aufstockung der Polizei auch das Entfernen von Graffiti binnen eines Tages und das konsequente Vorgehen gegen kleine Vergehen wie Schwarzfahren oder Schuleschwänzen.

© SZ vom 21.11.2008/mcs
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