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Pflanzenzucht:Natürlich mit Gentechnik

Wer nichts verzehren mag, was irgendwie mit Gentechnik zu tun hat, könnte von nun an mit der Süßkartoffel ein Problem haben. Die Knollen enthalten artfremde Gene - allerdings vollkommen ohne Zutun des Menschen.

Ginge es nur um den Geschmack, wäre alles Wichtige über die Süßkartoffel schnell gesagt. Sie schmeckt hervorragend. Punkt.

Komplizierter wird es, wenn auch weltanschauliche Aspekte eine Rolle spielen. Wer nichts verzehren mag, was irgendwie mit Gentechnik zu tun haben könnte, der könnte von nun an in der Süßkartoffel ein Problem sehen. Sogar dann, wenn die Knolle aus ökologischem Anbau stammt und alle entsprechenden Vorgaben eingehalten wurden.

Wer sich hier nicht an das gentechnische Reinheitsgebot hält, ist nämlich die Süßkartoffel selbst. Die Knollen im Gemüseregal enthalten standardmäßig artfremde Gene - die eines Bakteriums. Die Mikroben-DNA trägt offenbar positiv zur Entwicklung des Gewächses bei. Damit sei die Süßkartoffel "ein Beispiel für eine natürlicherweise transgene Nutzpflanze", schreiben Biologen um Tina Kyndt und Dora Quispe von der Universität Ghent im Fachmagazin PNAS (Bd. 112, S. 5844, 2015). Derartiges sei ihnen bislang nicht bekannt gewesen.

Die Begriffe transgen und Nutzpflanze hört man in Europa nicht gerne in einem Atemzug. Die meisten Verbraucher lehnen gentechnisch veränderte Nahrungsmittel ab, also etwa Gemüse, das neben der eigenen DNA auch Erbgutstücke einer anderen Art in sich trägt. "Unnatürlich" finden viele Verbraucher eine solche Vermischung.

In der Natur aber geht es weit weniger dogmatisch zu. Organismen tauschen routinemäßig Gene untereinander aus, ohne sich um Artgrenzen oder Kategorien wie Pflanze und Mikrobe zu kümmern. Häufig infizieren zum Beispiel sogenannte Agrobakterien Weinreben, Zuckerrüben und andere Gewächse. Dabei schleust das Bakterium einen Teil seiner Erbsubstanz in die Pflanze ein, die daraufhin krank wird und Geschwüre bildet.

Mikroben als Gen-Fähren - das ist auch eine Methode der modernen Pflanzenzucht

Auch die Mikroben-DNA in der Süßkartoffel stammt von Agrobakterien - jede der knapp 300 untersuchten Proben enthielt entsprechendes bakterielles Erbgut. Trotzdem ist dieser Gen-Mix ein Sonderfall, denn der Transfer schädigt die Süßkartoffelpflanzen nicht. Mehr noch: Womöglich benötigen sie die Mikroben-DNA sogar für ihre Entwicklung, vermuten die Forscher. In einer Wildform der Süßkartoffel hingegen fanden sie keine Bakterien-DNA. Wahrscheinlich haben also die Mikrobengene der Knolle Eigenschaften verpasst, die der Mensch geschätzt und gefördert hat, als er die Süßkartoffel domestizierte.

8000 Jahre später hat der Mensch gelernt, Agrobakterien gezielt für seine Zwecke zu nutzen. Und einen neuen Begriff dafür entwickelt: Gentechnik. Seit gut 30 Jahren ist die Mikrobe ein wichtiges Werkzeug, um Pflanzen gentechnisch zu verändern. Dazu ersetzen Forscher zunächst Teile der bakteriellen DNA durch jenes Gen, das in eine Pflanze eingebracht werden soll. Die Mikrobe dient daraufhin als Gen-Fähre. Dann heißt es nur noch abwarten, während das Bakterium die Pflanze infiziert und mit dem zusätzlichen Erbgut bestückt. Geht alles gut, baut sich dabei das eingeschleuste Gen in das Erbgut der Pflanze ein, und fertig ist das transgene Gewächs. Will man solche Pflanzen oder ihre Produkte verkaufen, müssen sie als gentechnisch verändert gekennzeichnet sein.

Was aber, wenn Pflanze und Mikrobe wie im Fall der Süßkartoffel ihre Gene ohne menschliche Hilfe vermischen? Ist das dann Natur, Technik, oder beides? Eine Antwort liefern auch Kyndt und Quispe nicht. Doch sie setzen Hoffnung in ihre Entdeckung: Vielleicht könne das Beispiel der Süßkartoffel manchen Verbraucher dazu bewegen, seine ablehnende Haltung gegenüber transgenen Lebensmitteln noch einmal zu überdenken.