Oxytocin Molekül fürs Gefühl

Oxytocin gilt als Kuschelhormon. Einer Studie zufolge könnte es auch dafür verantwortlich sein, wie einfühlsam die Menschen sind und wie sie mit Stress umgehen.

Von Werner Bartens

Es ist der Botenstoff der Romantiker. Das Molekül der Liebenden. Der Stoff, der die Wehen und den Milcheinschuss nach der Geburt stimuliert, der aber auch für Treue und Großzügigkeit gut ist. Oxytocin gilt als das Kuschelhormon schlechthin. Womöglich ist der Tausendsassa aus dem Gefühlshaushalt auch verantwortlich dafür, wie einfühlsam die Menschen sind - und wie sie mit Stress umgehen.

Mehr als der Botenstoff der Romantiker: Oxytocin hat offenbar viele Facetten.

(Foto: Foto: AP)

Psychologen und Sozialforscher der Universitäten Berkeley und Oregon beschreiben im Fachblatt PNAS (online), dass die Art des Oxytocin-Rezeptors darüber mitbestimmt, ob jemand mitfühlend oder kaltherzig reagiert und wie er mit Belastungen umgeht. "Unsere Ergebnisse zeigen, dass die genetischen Unterschiede im Oxytocin-Stoffwechsel die emotionale Verarbeitung und das Verhalten gegenüber anderen stark beeinflussen", sagt Sarina Rodrigues, die Erstautorin der Studie.

Die Forscher hatten fast 200 Studenten untersucht und ihre Oxytocin-Rezeptoren bestimmt. Diese Andockstellen im Gehirn und an anderen Organen beeinflussen, wie stark die Hormone wirken. Drei Rezeptorvarianten sind möglich: GG, AG oder AA.

Studenten mit der Rezeptorvariante GG erwiesen sich als einfühlsamer und auch widerstandsfähiger gegen Stress. Wiesen die Teilnehmer hingegen ein A-Allel auf (egal ob AA oder AG), reagierte ihr Körper mit einem stärkeren Pulsanstieg und einer heftigeren Stressreaktion. Die Fähigkeit, den Gefühlszustand anderer Personen zu erspüren, war bei Probanden mit dem A-Allel ebenfalls geringer ausgeprägt.

Die Forscher hatten das soziale Gespür und das Stressverhalten der Versuchsteilnehmer ermittelt. So mussten Probanden beispielsweise aus Fotos von Augenpaaren auf den Gemütszustand der Gezeigten schließen. Zudem wurden ihr Bindungsverhalten und ihr Einfühlungsvermögen in Befragungen erfasst. "Frauen schnitten bei den Tests generell besser ab und erwiesen sich als warmherziger", sagt Rodrigues. "Aber die genetische Variation führte zu großen Unterschieden bei beiden Geschlechtern." Teilnehmer mit der GG-Variante konnten zu 23 Prozent besser an den Augen einer Person erkennen, wie es ihr ging.

Oxytocin reduziert offenbar Angst

"Oxytocin scheint ein Gegenspieler des Stresshormons Cortisol zu sein, es reduziert offenbar Angst und Aggressionen", sagt der Freiburger Psychosomatiker Carl Scheidt. Wie viel des Kuschelhormons bei Jugendlichen und Erwachsenen zur Verfügung steht und aktiviert werden kann, scheint nicht nur am Rezeptor zu liegen, sondern auch daran, wie liebevoll die mütterliche Bindung in den ersten Lebensjahren war. Davon ist auch abhängig, wie in späteren Jahren Stress abgefangen werden kann und ob jemand aggressiv und feindselig oder gelassen und ausgeglichen reagiert, wenn es anstrengend und konfliktreich wird.

Auch den Forschern brachte die Studie ungeahnte Einblicke - Sarina Rodrigues war nicht in der GG-Gruppe. "Ich halte mich dennoch für fürsorglich und empathisch", sagt die Psychologin, die damit unterstreicht, dass nicht nur die Gene, sondern auch das Umfeld das Verhalten prägen. "Unsere Daten können trotzdem erklären helfen, warum manche Menschen empathischer und gelassener sind. Wir sollten auf die zugehen, die von Natur aus in dieser Hinsicht benachteiligt sind."