Boom von Navigationssystemen Den Orientierungssinn kann man verlernen

Spricht man mit Wissenschaftlern aus dem Verkehrsbereich, ergibt sich nach kurzer Zeit ein ziemlich klares Bild: Navigationsgeräte - so die übereinstimmende Meinung - sind aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Sie werden in Zukunft sogar noch wichtiger werden, da sich Stauprognosen mit ihrer Hilfe stetig verbessern lassen.

Dass so mancher Nutzer durch die Mini-Computer zunehmend abstumpft, scheint aber ebenfalls Konsens zu sein. Michael Schreckenberg, Professor für Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen, vergleicht Navis mit einem Taschenrechner: "Nach einer gewissen Zeit verlernt man das Kopfrechnen." Schreckenberg empfiehlt, gerade bei längeren Strecken die Route vorher auf einer Papierkarte anzuschauen. Während der Fahrt könne man sie mit den Vorschlägen des Navis abgleichen, um die besten Umfahrungen zu finden. "Bei kurzfristigen Sperrungen stößt die Technik schnell an ihre Grenzen", so Schreckenberg. "Da ist es gut, eine Ausweichstrecke im Kopf zu haben."

Sara Fabrikant, Professorin am Geografischen Institut der Uni Zürich, zeichnet das Bild einer Krücke: "Man gewöhnt sich so an das Hilfsmittel, dass man irgendwann nicht mehr ohne kann." Experimente mit jungen Inuit zeigten, dass diese sich ohne Navis im ewigen Eis kaum mehr zurechtfänden - ganz anders als noch die Generation ihrer Eltern. Andererseits sei der Orientierungssinn eben nicht bei jedem gleich: "Da gibt es große individuelle Unterschiede." Natürlich habe es schon immer Menschen gegeben, die sich in ihrer Umgebung schlecht zurechtfanden. Wer Schwierigkeiten dabei habe, den richtigen Weg zu finden, könne also nicht zwangsweise das Navi dafür verantwortlich machen - Krücke hin oder her.

Forscher wollen Navi entwickeln, das Orientierungssinn fördert

Der neueste Ansatz der Forschung geht daher in eine andere Richtung: GPS-Geräte sollen ihren Nutzern dabei helfen, den verloren geglaubten Orientierungssinn zu reaktivieren. An der Uni Münster versucht eine interdisziplinäre Forschergruppe aus Geografen, Informatikern und Psychologen, das passende Navi für diesen Zweck zu entwickeln. Am leichtesten, sagt Geo-Informatiker Thomas Bartoschek, wäre es, wenn Navis so sprechen würden wie ein Mensch: "Wenn wir jemanden nach dem Weg fragen, sagt niemand, man solle in genau 750 Metern rechts abbiegen. Die Leute bleiben vage, schicken dich grob in eine Richtung und nennen bestimmte Orientierungspunkte, die auf dem Weg liegen."

Seit einem Jahr tüfteln die Wissenschaftler bereits an ihrer Vision; einen ersten Prototypen haben sie auf dem Smartphone installiert. Zu sehen ist eine minimalistische Karte, die auf Symbole baut und Text nur sehr sparsam verwendet. Ein Kreuz markiert ein Krankenhaus, ein Einkaufswagen einen Supermarkt. In Zukunft sollen längere Straßen in der Darstellung automatisch verkürzt werden. Es ist ein bisschen wie bei einem U-Bahn-Plan", sagt Bartoschek. "Wenn Menschen von Hand eine Karte zeichnen, stellen sie lange Straßen, die nichts Besonderes bieten, auch kürzer dar. Trotzdem können wir uns gut damit zurechtfinden."

Einfach mal das Navi ausschalten

Bisher, sagt Bartoschek, hätte sich noch kein Navi-Hersteller für das Münsteraner Forschungsprojekt interessiert. Komplett vorbeigegangen scheint die Diskussion um den Orientierungssinn aber auch an den Unternehmen nicht zu sein. Berna Celik-Rymdzionek, Produktmanagerin bei Garmin, sagt: "Wir integrieren Anhaltspunkte in unsere Routenführung, an denen sich der Nutzer auch ohne Navigationssystem orientieren würde - Straßenschilder, Gebäude, Ampeln." Zudem gebe es eine Funktion, mit der das Gerät "wie ein Ortskundiger" dirigiere, etwa mit Aussagen wie "nach dem Starbucks bitte links abbiegen".

Solche Funktionen könnten ein erster Schritt sein, um den natürlichen Orientierungssinn zu unterstützen. Die zweite Variante ist simpler, erfüllt ihren Zweck aber ebenso: Einfach mal das Navi ausschalten und zur Karte greifen - und dabei möglichst nicht im Rhein landen.