Ökologie:Teile und vernichte

Herbststimmung

Trennungsschmerzen: Waldstücke leiden massiv, wenn sie durch Straßen geteilt werden.

(Foto: Swen Pförtner/dpa)

Jede Straße ist ein Einschnitt: Abgetrennte Stücke von Wäldern verlieren deutlich an Artenvielfalt. Die Bäume am Rand sterben schneller ab.

Von Andrea Hoferichter

Selbst scheinbar kleine Eingriffe in intakte Wälder, etwa wenn Straßen, Getreidefelder oder Zuckerrohrplantagen Baumflächen vom Hauptwald abtrennen, können drastische Folgen für den Artenreichtum haben. Das berichtet ein internationales Forscherteam im Fachblatt Science Advances. "Die Vielfalt von Pflanzen und Tieren sinkt in den abgetrennten Flächen in zwanzig Jahren durchschnittlich um die Hälfte", sagt Nick Haddad von der North Carolina State University. Auch die Biomasse insgesamt und der Nährstoffgehalt der Böden nehmen ab. Die Effekte sind dabei umso größer, je kleiner die Waldstücke sind und je weiter sie voneinander entfernt liegen. Die Forscher haben die Ergebnisse groß angelegter Feldtests auf fünf Kontinenten, die seit mehreren Jahrzehnten laufen, für ihre Studie zusammengefasst.

Rund 70 Prozent der weltweiten Waldfläche sind Haddad zufolge von solchen Verlusten bedroht: "Das ist der Waldanteil, der in einem ein Kilometer breiten Randgürtel und damit im Bereich menschlicher Aktivitäten liegt. Hier ist eine Zerstückelung besonders wahrscheinlich." Diesen potenziell bedrohten Waldanteil hat sein Team aus Satellitenbildern ermittelt. Nur besonders große Waldgebiete bleiben nach Abzug der Ränder zu mehr als der Hälfte erhalten. Außerdem haben die Wissenschaftler historische Daten analysiert. Sie zeigen, dass allein in der Amazonasregion Brasiliens durch Abtrennungen mehr als 100 000 Waldstücke entstanden sind, die weniger als zehn Hektar groß sind. Wie stark die Zersplitterung der Wälder weltweit vorangeschritten ist, bleibt unbekannt. Die Auswertung der Satellitenbilder ist eine Mammutaufgabe.

Forscher des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig warnen ebenfalls vor der weiteren Zerstückelung der Wälder. Auch die Kohlenstoffbilanz der kleinen Waldinseln sei alarmierend. "Sie haben einen relativ großen Randbereich, wo Bäume verstärkt Sonnenstrahlung, Hitze und Wind ausgesetzt sind und deshalb früher sterben", erklärt der UFZ-Wissenschaftler Andreas Huth. Das führe zu zusätzlichen Kohlendioxidemissionen. Bis zu ein Fünftel der Emissionen, die Klimaforscher bisher für Waldrodungen veranschlagen, könnten auf das Konto der Randeffekte gehen, berichtete sein Team vor wenigen Monaten im Fachmagazin Nature Communications. Die Forscher fordern deshalb, bei künftigen Rodungen eine Mindestgröße für Waldinselflächen von 10 000 Hektar festzulegen.

Im Amazonas kommen auf jeden Kilometer legale Straße drei Kilometer illegale Straßen

Ein Ende der Bauaktivitäten in Wäldern ist aber nicht in Sicht. In den größten Urwaldgebieten der Welt, am Amazonas und im Kongobecken, sind neue Wasserkraftwerke und vor allem in Afrika zahlreiche Minen geplant. Bis 2050, schätzt die Internationale Energieagentur, werden 25 Millionen Kilometer neue, befestigte Straßen gebaut werden, 90 Prozent davon in Entwicklungsländern mit ihren wertvollen Biotopen. "Die Eingriffe öffnen die Büchse der Pandora", warnte kürzlich ein internationales Forscherteam im Fachblatt Current Biology. Nicht nur die Zersplitterung der Wälder, sondern auch Wilderei, illegaler Erzabbau und Holzraub sind wahrscheinliche Folgen. Sie fordern Regierungen, Planer und Geldgeber deshalb auf, Projekte künftig kritischer zu prüfen und enger mit Ökologen und Soziologen zusammenzuarbeiten. Insgesamt nennen die Wissenschaftler neun Handlungsleitlinien. Ganz oben auf der Liste steht: "Vermeide den ersten Schnitt in intakte Biotope." Eine Straße bleibt nämlich selten allein. Im Amazonasgebiet beispielsweise kommen auf jeden Kilometer legale fast drei Kilometer illegale Straßen.

© SZ vom 25.03.2015
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