bedeckt München 27°

Neues Buch von Oliver Sacks:Eichhörnchen mit kleinen Rucksäcken auf der Schulter

Neurologist Dr. Oliver Sacks Speaks At Columbia University

Der britische Neurologe Oliver Sacks, geboren am 9. Juli 1933, ist wie Freud ein großer Nervenarzt und Novellist

(Foto: AFP)

Der Neurologe und Bestsellerautor Oliver Sacks ist gerade achtzig Jahre alt geworden. Nicht zu alt für ein neues Buch. Diesmal geht es um Halluzinationen.

Der Neurologe Oliver Sacks, der an diesem Dienstag achtzig Jahre alt wurde, hat ein Talent für Titel, die man sich merkt: " Der Tag, an dem mein Bein fortging" oder " Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte". Sie klingen skurril - und benennen doch den Gegenstand mit völliger Klarheit, nämlich die beunruhigende Dissoziation dessen, was wir als die selbstverständliche Einheit unser selbst erleben.

Dass es sich bei Person, Subjekt und Körper-Ich nicht um eine Grundtatsache handelt, sondern um die synthetische Leistung eines unbekannten Apparats, von dem wir unter normalen Umständen nur das Resultat und nicht das Getriebe zu sehen kriegen: für diese Einsicht bedarf es der Panne. Wenn der glatte Kabelschlauch platzt, quillt plötzlich das verwirrende Vielerlei der Kabel zutage.

So gehen Sacks' Geschichten. Wer sie liest, ist hingerissen, nicht nur wegen der erschreckenden und faszinierenden Einblicke ins Innenleben unseres Gehirns, sondern vor allem wegen der Form, die der Autor wählt; wie Sigmund Freud ist Sacks zu gleichen Teilen Nervenarzt und Novellist und weiß seine Fälle vor allem zu erzählen.

Sein neues Buch heißt auf Englisch " Hallucinations". Im Deutschen ist daraus geworden " Drachen, Doppelgänger und Dämonen", worin nicht nur immer noch "Götter, Gräber und Gelehrte" nachschwingt - die Sache erscheint auch weit dramatischer, als Sachs es im Sinn hat. Denn, und das gehört zu den wichtigsten Dingen, die sich hier lernen lassen: Halluzinationen sind keineswegs vorrangig in der unheimlichen Sphäre von Rausch und Wahn zu Hause, wo immer zweifelhaft bleiben muss, welche Mächte sich da offenbaren und ob sie uns, einmal gerufen, je wieder loslassen; sie bilden sozusagen bloß das Programm des Hirns im Leerlauf, wenn sonst nichts los ist oder irgendwas schiefgeht.

Halluzinationen sind normal

In der Halluzination äußert sich kein Dämon, auch kein psychisches Schicksal - Freud kam bald davon ab, sie als Manifestationen des Unbewussten wie die Träume nutzen zu wollen. Halluzinationen sind normal, lautet die zugleich entwarnende und ein wenig enttäuschende Botschaft.

Und sie sind wohl weit häufiger, als man meint; denn die meisten Menschen haben gute Gründe, ihre entsprechenden Erlebnisse lieber nicht zu erwähnen. Sacks sortiert nach Bereichen des Vorkommens: Halluzinationen bei Migräne, Epilepsie, Reizentzug, Parkinson, Narkolepsie (plötzlichen Schlafanfällen), Teilausfall des Blickfelds, bei Einschlafen und Erwachen, nicht selten auch "einfach so".

Gleich auf der ersten Seite zitiert Sacks seine "Lieblingsdefinition", formuliert von William James schon 1890: "Eine Halluzination ist eine rein sensorische Bewusstseinsform, eine ebenso wahrhaftige Sinneswahrnehmung, wie sie in Gegenwart eines realen Objekts stattfindet. Nur dass das Objekt zufällig nicht da ist."

Allerdings unterscheiden sich die Halluzinationen von bloßen Vorstellungsinhalten dann doch auch wieder durch ihre Unwillkürlichkeit, ihre Detailtreue und ihre bruchlose Kontinuität zur wahrgenommenen Außenwelt. Nur der gesunde Menschenverstand kann dann angeben, was real ist und was nicht. Wenn zum Beispiel jemandem plötzlich spannenlange Menschlein im orientalischen Kostüm vor Augen treten, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie von außen kommen.