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Neue Essstörungen:Fasten vor dem Saufen

Ganz neu ist das Phänomen nicht - allerdings wird es erst seit kurzer Zeit als Diabulimia bezeichnet. Seit Jahrzehnten beobachten Mediziner, dass gerade junge Diabetikerinnen besonders häufig unter Essstörungen leiden - und gezielt auf Insulin verzichten.

Dabei riskieren sie so sogar einen vorzeitigen Tod. Das belegt eine neue Studie des Joslin Diabetes Centers in Boston. Ann E. Goebel-Fabbri und ihre Kollegen hatten Patientinnen mit Typ-1-Diabetes über einen Zeitraum von elf Jahren beobachtet.

Wie sie jetzt im Fachmagazin Diabetes Care (Bd. 31, S.415, 2008) berichten, hatten 30 Prozent der Frauen weniger Insulin eingesetzt als sie sollten - um schlank zu bleiben. Und für dieses Ziel mussten viele von ihnen einen hohen Preis bezahlen: Die Todesrate war in dieser Gruppe dreimal höher als unter den Frauen, die sich wie empfohlen Insulin gespritzt hatten - und sie starben im Schnitt bereits mit 45 Jahren.

Gefährlicher Gesundheitswahn

Wenig bekannt ist auch die sogenannte Orthorexia nervosa - vermutlich weil die Betroffenen sich in den westlichen Gesellschaften mit ihrem Wellness- und Gesundheitswahn gewissermaßen strikt nach Vorschrift verhalten.

Die Patienten, deren Leiden der wissenschaftlichen Anerkennung allerdings noch harrt, sind besessen davon, sich gesund zu ernähren. Und es geht ihnen nicht um die gute Figur, sondern um die Qualität der Nahrungsmittel.

Die Betroffenen entwickeln sich zu verbissenen Gesundheitsfanatikern, die speziellen Diätplänen folgen. Das Einkaufen der Zutaten und die Zubereitung der Mahlzeiten werden langfristig und exakt geplant, alles andere gerät in den Hintergrund. Soziale Kontakte werden vernachlässigt, den Patienten droht die Vereinsamung. Ihren Namen trägt die Essstörung seit 1997, als der amerikanische Arzt Steven Bratman sie an einem Patienten diagnostizierte - an sich selbst.

Wie inzwischen sogar die Krankenkassen warnen, kann es bei Orthorektikern bei einer falschen Diät zu Mangelerscheinungen, Schlafstörungen und Leistungsabfall kommen. Gelingt es ihnen nicht, die eigenen Regeln strikt einzuhalten, werden sie von Schuldgefühlen geplagt. Das Leiden kann demnach Merkmale einer Zwangsstörung aufweisen.

Wie so oft, wenn es um psychische Störungen geht, ist es schwierig, eindeutige Ursachen zu bestimmen. Eine Rolle spielen offenbar in der Regel individuelle Faktoren wie mangelndes Selbstbewusstein, Traumata in der Kindheit und zu einem guten Teil auch die Gene.

Doch auch die Gesellschaft ist verantwortlich. Denn als äußere Einflüsse wirken mit Sicherheit Schönheitsideale, der Druck, sich gefälligst gesund zu ernähren, das Verhalten prominenter Vorbilder und die Akzeptanz legaler Drogen.

Und je nachdem, wie sich die Gesellschaft verändert, nehmen offenbar auch die Essstörungen neue Formen an.