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Nazi-Marketing:Heldengeist gegen Krämergeist

Wie Hitlers Chefideologe Alfred Rosenberg den Antisemitismus begründete und verbrämte.

Waren die Nationalsozialisten Sozialisten? Zumindest gaben sie sich als solche aus. So war der von der Zweiten Internationale 1889 zum "Kampftag der Arbeit" erklärte 1. Mai jahrzehntelang selbst umkämpft. Viele blieben der Arbeit fern, um auf Kundgebungen für ihre Ziele zu demonstrieren, und nahmen dafür Ärger mit ihren Arbeitgebern, bis hin zur strafweisen Entlassung, in Kauf. Erst 1933 wurde das anders. Der neue Reichskanzler Adolf Hitler erhob den 1.Mai kurzerhand zum staatlichen Feiertag. Weit mehr als eine Million Menschen versammelten sich in jenem Jahr zur zentralen Maifeier auf dem Tempelhofer Feld in Berlin. Hitler rief ihnen zu: "Deutsches Volk, Du bist stark, wenn Du eins wirst!" Hitlers "nationaler Sozialismus" wollte das Völkische mit dem Sozialen versöhnen. Aber war das Dritte Reich deshalb ein Volksstaat? Zweifel sind angebracht.

Wehrmachtssoldaten in der Luitpoldarena auf dem Reichsparteitag, 1936

Wehrmachtssoldaten in der Luitpoldarena auf dem Reichsparteitag, 1936

(Foto: Foto: AP)

Wenn Hitler den "Tag der nationalen Arbeit", wie er nun hieß, ein Symbol der "völkischen Verbundenheit und damit des Emporstiegs" nannte, so verbarg dieser Appell an die durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg gedemütigte Nation vor allem die hochaggressive Ideologie einer Volksgemeinschaft nationalsozialistischer Couleur.

Der Einzelne zählte nichts in diesem wieder erwachten Volk, er sollte Glied einer großen Gemeinschaft sein, deren Ziel nicht Gleichheit, sondern Homogenität war. Wer zu ihr gehörte und wer nicht, definierten die Nationalsozialisten nach rassistischen Prinzipien. Deshalb kämpfte man einerseits um die "Heimholung" von Saarländern, Österreichern, Wolgadeutschen und anderen "Grenz- und Auslandsdeutschen" und grenzte andererseits brutal die jüdischen Mitbürger als "Schädlinge am deutschen Volkskörper" aus. Auch geistig Behinderte waren als "Ballastexistenzen" dem Tode verfallen.

Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nazis und enger Mitarbeiter Hitlers seit den ersten Tagen der "Bewegung", hatte schon 1923 einen programmatischen Aufsatz mit dem Titel "Nationaler Sozialismus oder Nationalsozialismus" veröffentlicht, in dem es hieß: "Das Wort Nationalsozialismus stellt als Hauptwort eine neue Synthese dar, die die Untrennbarkeit zweier Begriffe betont, während die Bezeichnung nationaler Sozialismus in Wirklichkeit nationaler Marxismus bedeutet oder bedeuten könnte." Nationalen Marxismus gebe es in England und Frankreich, Nationalsozialismus nur in Deutschland, "und das ist ein gewaltiger Unterschied". Denn nationaler Marxismus sei nicht besser als die Demokratie der jüdischen Plutokraten.

Die Verweis auf die Juden sollte hier, wie immer und überall, Feststellungen und Forderungen plausibel machen, die für sich genommen kaum als einleuchtend erschienen. Zugleich sollte der Antisemitismus als soziale Klammer über alle realen Interessen- und Klassengegensätze hinweg die Volksgenossen zusammenschließen. So gab Hitler sich Mühe, die Ruhrbarone zu beruhigen, gegen den Kapitalismus habe man ja nur etwas, soweit er jüdisch sei; das "raffende Kapital" wolle man bekämpfen, nicht aber das "schaffende Kapital".

Die Auffassungsunterschiede innerhalb der NSDAP kristallisierten sich deutlich am Verhältnis zu der jungen Sowjetunion heraus. Während sie für Leute wie Goebbels, die in Lenin eine Hitler vergleichbare Führergestalt sahen, vor allem als Land galt, in dem die Arbeiterklasse zur Macht gekommen war, zeichnete Rosenberg das Schreckbild eines "Sowjetjudäa". Interpretierten die einen Lenin als Nationalbolschewisten, waren für Rosenberg die Börsen in New York und London wie der von den Sowjets beherrschte Kreml gleichermaßen Bollwerke des Weltjudentums. Auch Hitler hatte in "Mein Kampf" geschrieben: "Im russischen Bolschewismus haben wir den im 20.Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen."

Rosenbergs Folgerungen: "Nicht der Sozialismus" sei das Ziel, sondern "ein freies Volkstum und seine Selbstbehauptung als solche auf allen Gebieten des Lebens". Eine völkische Bewegung also, deren soziales Pathos am Ende Rhetorik blieb. Für Rosenberg war der Sozialismus nur staatliches Mittel zum Zweck. Nationalsozialisten vom seinem Schlage waren im Grunde eher Sozialnationalisten, die gern den Dünkel der höheren Stände hinter sich ließen, denen sie ohnehin nicht angehörten. Doch man traf sich mit ihnen im Willen zur Begründung einer Volksgemeinschaft durch den Ausschluss anderer.