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Naturkatastrophen:Vögel als Frühwarnsystem

Ein Tornado vor der Küste Italiens

(Foto: AP)

Ob Wirbelstürme, Vulkanausbrüche oder Erdbeben: Manche Tiere können Naturereignisse vorausahnen, sie haben einen besonderen Sinn dafür. Das will sich die Forschung jetzt zunutze machen.

Von Hanno Charisius

Eine Gruppe von Goldflügel-Waldsängern war im vergangenen Frühjahr gerade in ihrem Brutquartier in den Appalachen angekommen, als sich die Vögel plötzlich wieder auf den Weg machten. Sie flogen in den kommenden fünf Tagen noch einmal 1500 Kilometer, offenbar um einem heftigen Sturm zu entgehen, der auf ihr Brutgebiet zuraste. Die Extrarunde stellte zwar eine enorme Belastung für die kleinen Zugvögel dar, rettete ihnen in dieser Situation aber das Leben.

Das Erstaunlichste aber war, dass die Vögel ein bis zwei Tage starteten bevor die ersten Tornados Ende April in der Region eintrafen. "Als die Meteorologen uns im Fernsehen sagten, dass ein Sturm auf uns zukommt, waren die Vögel schon unterwegs", sagt Henry Streby von der University of California in Berkeley, der das merkwürdige Verhalten zusammen mit Kollegen eher zufällig entdeckte.

Eigentlich wollten die Forscher testen, ob die nur wenige Gramm schweren Vögel überhaupt in der Lage sind, Peilsender zu tragen. Sie waren es durchaus, wie sich zeigte, als die Vögel Reißaus nahmen vor den drohenden Tornados. Die Forscher vermuten, dass die Tiere auf Infraschall reagieren, den heftige Stürme produzieren.

Vögel scheinen mehr zu wissen als Meteorologen

Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell, findet die Beobachtung der amerikanischen Kollegen "ziemlich spannend". Er selbst hat vor zweieinhalb Jahren Fregattvögel in der Karibik mit Sendern ausgestattet. Ihm war erzählt worden, dass auch diese Tiere ihr Quartier verlassen, bevor starke Stürme aufziehen. "Vögel scheinen oft besser als Meteorologen zu wissen, wo der Sturm entlangziehen wird." Jetzt will er diese Annahme mithilfe der Sensordaten bestätigen.

Es gibt viele Berichte über seltsames Tierverhalten, kurz bevor Naturkatastrophen zuschlagen. Seit Jahrhunderten wissen Japaner, dass Welse vor Erdbeben verrückt spielen. Die Fische galten deshalb sogar lange Zeit als Verursacher der Erdstöße. Vor dem Tsunami in Indonesien vor zehn Jahren sind Wasserbüffel nervös geworden. Im Januar will Wikelski deshalb dorthin reisen, um auch ihnen Sender umzuhängen, die das Bewegungsmuster der Tiere an sein Forscherteam funken. Er hofft, dass sich das Verhalten der Tiere zur Frühwarnung nutzen lässt.

Nicht alle Tierarten sind als Frühwarnsysteme geeignet

Am Ätna überwacht seine Gruppe derzeit Ziegen, die nach Erzählung der Einheimischen nervös werden, kurz bevor der Vulkan Lava spuckt. Wikelski vermutet, dass Ziegen Ausgasungen der aufsteigenden Lava wittern können. Vulkanologen und Erdbebenexperten finden seine Theorien interessant, aber wirklich überzeugt sind sie wohl erst, wenn der Verhaltensökologe einen Vulkanausbruch oder einen Erdstoß korrekt vorhersagt. Mit Sicherheit seien nicht alle Tierarten gleichermaßen als lebende Frühwarnsysteme geeignet, erklärt Wikelski. Und auch innerhalb einer Art gebe es große Unterschiede zwischen einzelnen Tieren.

Fortschritte in der Sensortechnologie machen diese Forschung überhaupt erst möglich. "Bisher wurden wir wie Wünschelrutengänger behandelt", sagt Wikelski. "Jetzt haben wir die Möglichkeit, die Wahrnehmung der Tiere für uns Menschen zu nutzen."

© SZ vom 20.12.2014/mahu
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