Nachruf auf einen Vogel "Wanna banana"

Die Forscherwelt trauert um Alex, einen Graupapagei. Das Tier faszinierte Wissenschaftler 30 Jahre lang mit seiner Sprach- und Rechenleistung.

Von Christopher Schrader

Wer nach 30 Jahren seinen Partner verliert, trauert in der Regel - auch wenn dieser Partner auf zwei Krallen durchs Labor watschelte und nachts auf einer Stange schlief.

Papagei Alex benannte Farben, bildete Sätze und beschwerte sich eloquent bei seinem Forscherchen.

(Foto: Foto: M. Lovett/Brandeis-Universität)

Diese Trauer verspürt Irene Pepperberg zurzeit, denn Alex ist tot. Alex war ein Graupapagei, den die Tierforscherin von der Brandeis-Universität in Massachusetts 30 Jahre lang trainiert und untersucht hat. Am Schluss konnte der Vogel 50 Objekte benennen, dazu sieben Farben, fünf Formen und etliche Materialien. Er konnte bis sechs zählen, kurze Sätze bilden, größer und kleiner unterscheiden.

Alex' Fähigkeiten gingen weit über die Tricks hinaus, mit denen Papageien Sprachfetzen imitieren. Pepperbergs Vogel konnte offenbar in Ansätzen denken, bildete Kategorien und wandte die erlernten Wörter korrekt an.

Die Forscherin und ihre Mitarbeiter legten dem Vogel zum Beispiel ein Tablett mit verschiedenen Objekten vor und fragten dann: "What color four?" - Welche Farbe haben die Objekte, von denen vier auf dem Tablett liegen? In vier von fünf Fällen antwortete Alex dann korrekt; bei seinen Fehlern lag der Papagei oft nur knapp daneben, sagte "Gelb" statt "Orange" oder "wool" (Wolle) statt "wood" (Holz), wenn es um ein Material ging.

Sogar nach Dingen, die nicht vor ihm lagen, konnte seine Besitzerin ihn fragen: Welche Farbe hat Mais? Gelb. Und Alex hatte offenbar auch ein Verständnis für die Null entwickelt. Wenn er nach der Menge von etwas gefragt wurde, was überhaupt nicht auf dem Tablett vor ihm lag, antwortete er "none" (keines).

"Talk clearly"

"Mit Alex hat Irene Pepperberg den Grundstein für die aktuelle Forschung gelegt, die die Sprachfähigkeit und Intelligenz von Tieren erkundet", sagt Juliane Kaminsky. Sie untersucht am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig das Verhalten von Affen, Hunden und Ziegen.

Besonders fasziniert sie, dass der Papagei ihrer amerikanischen Kollegin sogar kurze zutreffende Sätze bilden konnte. Zum Beispiel forderte er als Belohnung für eine gelöste Aufgabe ein Stück Banane ("wanna banana") und warf der Forscherin dann eine angebotene Nuss beleidigt vor die Füße.

Oder er herrschte seinen jüngeren Artgenossen Griffin an, als der brabbelnd mit Worten experimentierte, wie es kleine Kinder oft tun: "Talk clearly" - sprich deutlich.

Manche Begriffe hat Alex selbst erfunden. Als der Papagei sein erstes Stück Apfel aß, nannte er die Frucht "banerry" - zusammengesetzt aus banana und cherry (Kirsche). Ähnlich phantasievoll erschuf er seinen Begriff für Wäscheklammer: Dieser lautet "pegwood", gebildet aus "wood" (Eisstiel) und "peg" (festklammern).

Pepperberg hatte Alex 1977 als Jungtier in einem Zoo-Geschäft gekauft. Um ihn zu trainieren, setzte sie auf soziales Lernen: Sie spielte Aufgaben zunächst in Alex' Beisein mit einem Studenten durch, den der Vogel als Rivalen um die Belohnung wahrnahm.

Diese bestanden anfangs nicht aus etwas Essbarem, oft war es nur die Erlaubnis, das gefragte Objekt spielerisch in den Schnabel zu nehmen und auf den Boden zu werfen. "Alex konnte sogar Wörter wie ,Stift' lernen, wenn er zuhörte, wie zwei Menschen darüber sprachen", sagt Juliane Kaminsky.

Am 6. September hat Pepperberg ihren Vogel, den sie oft als Kollegen bezeichnet hatte, tot im Käfig gefunden. Zwei Wochen zuvor hatte er seinen jährlichen Gesundheits-Check ohne Probleme absolviert; Papageien können in Gefangenschaft 50 Jahre alt werden. Als sie Alex am Abend zuvor ins Bett brachte, so erzählte es die Forscherin der New York Times, sagte der Vogel zu ihr: "Benimm dich! Seh' dich morgen. Ich liebe dich."