Müttersterblichkeit:Schwanger, tot, unbeachtet

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Jedes Jahr sterben in den Entwicklungsländern Hunderttausende werdende Mütter. Die Gründe sind bekannt, die Konsequenzen lassen auf sich warten.

Judith Raupp

Die Mädchen sind manchmal selbst noch Kinder, wenn sie Kinder bekommen. Und oft endet die Schwangerschaft mit dem Tod. 536.000 Frauen, darunter viele Teenager, sterben nach UN-Angaben jedes Jahr während der Schwangerschaft oder der Geburt - fast alle in Entwicklungsländern. "Allein im Kongo kommen jedes Jahr so viele Mütter ums Leben, wie wenn jeden vierten Tag ein vollbesetztes Flugzeug abstürzen würde", sagt Lyn Lusi, Gründerin des Krankenhauses Heal Africa in der Stadt Goma. Weil aber der Tod einzelner Frauen in der Wildnis Afrikas weniger spektakulär sei als ein Flugzeugabsturz, nehme die Welt kaum Notiz von der Tragödie.

Es sei denn, es ist der 8. März - Weltfrauentag. Am Gedenktag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden beschwören Politiker gerne, armen Frauen müsse geholfen werden. Beim Thema Müttersterblichkeit sind sie aber noch nicht weit gekommen. Der UN-Bericht über den Stand der Millenniums-Ziele zur Bekämpfung der Armut von 2009 zeigt, dass von den acht Zielen, die 2000 vereinbart wurden und bis 2015 erreicht sein sollen, die Förderung der Frauengesundheit den geringsten Fortschritt verzeichnet.

Von 1990 bis 2005 ist die Zahl der Todesfälle pro 100.000 Geburten in armen Ländern gerade einmal von 480 auf 450 gesunken. Und alles deutet darauf hin, dass sich seit 2005 wenig gebessert hat. Besonders schlecht geht es den Frauen in Afrika südlich der Sahara. Auf 100.000 Geburten gibt es dort 900 Todesfälle, in den Industrieländern sind es neun.

Die Gründe für die hohe Müttersterblichkeit in armen Ländern sind bekannt: Es fehlen Krankenstationen, Hebammen, Ärzte und Autos, die Schwangere schnell in eine Klinik fahren könnten. Wegen Kinderheirat und Vergewaltigungen in Kriegsgebieten sind viele Mütter sehr jung, was zu medizinischen Komplikationen führt. Allerdings mangelt es nicht nur am Geld. Viele Regierungen kümmern sich schlicht zu wenig um das Gesundheitswesen, weil Frauen keine Lobby haben. Und die Frauen selbst haben zu wenig Bildung oder finanzielle Mittel, um sich zu wehren.

Amnesty International sieht darin einen "Menschenrechtsskandal". Vor kurzem hat die Organisation in Westafrika die "Karawane der Hoffnung" gestartet. Mitarbeiter fahren in abgelegene Dörfer und erklären den Frauen, dass sie ein Grundrecht auf Gesundheitsversorgung haben.

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) setzt schon bei Kindern und Jugendlichen an. In Kenia, Tansania, Uganda und Äthiopien fördert die Organisation insgesamt 1000 Jugendclubs. Jungen und Mädchen im Alter von zehn bis 25 Jahren treffen sich ein bis zwei Mal in der Woche, reden über Sexualität, Verhütung und Aids und lernen, dass Frauen gleiche Rechte haben wie Männer. Theaterspiele sollen auch Eltern, Lehrer und Geistliche für diese Themen gewinnen, ohne sie vor den Kopf zu stoßen. Denn in ländlichen Regionen ist es oft noch ein Tabu, über Sexualität zu sprechen. Die Jugendlichen lernen zudem, Kleingewerbe wie Hühnerzucht oder Schneiderei zu betreiben.

James Kotzsch, Leiter des DSW-Büros in Uganda sagt, in Zahlen lasse sich der Erfolg schwer messen. Er beobachtet aber, dass die Mädchen selbstbewusster würden und für ihr Einkommen selbst sorgen wollten. "Und Frauen, die unabhängig sind, entscheiden auch selbst über die Familienplanung", sagt er.

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