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Medizinische Promotion:Doktor im Sinne der Patienten

Die Doktorarbeit in der Medizin ist zum Ritual erstarrt und oftmals ohne wissenschaftlichen Wert. Höchste Zeit, mit dieser Folklore zu brechen und Karrierewege neu zu strukturieren.

Von Werner Bartens

Ein guter Arzt ist nicht an seinem Doktortitel zu erkennen. Dass er geforscht hat, ist nicht wichtig dafür, ob er Patienten gut behandelt. Einfühlung, diagnostisches Gespür, Erfahrung und ein geschulter Blick unterscheiden den guten Arzt vom medizinischen Mechatroniker. Der Doktortitel? Stört nicht weiter. Hilft aber auch nichts, wenn der Mediziner eine emotionale Niete ist und Patienten am liebsten in Form ihrer Krankenakte begegnet.

Die medizinische Promotion ist ins Gerede geraten. Das ist richtig, wenn auch aus falschen Gründen. Datenvergleicher haben in Doktorarbeiten wiederholt Text-Plagiate entdeckt. Abschreiben ist unzulässig und verhöhnt den Anspruch, mit der Dissertation eine eigenständige geistige Leistung zu vollbringen. Das größere Problem sind jedoch verfälschte oder erfundene Daten, die zu falschen Schlussfolgerungen führen und so womöglich indirekt Patienten schädigen. Sind in Teams, Laboren und bei Großexperimenten Dutzende Mitarbeiter beschäftigt, ähneln sich in der Fachveröffentlichung Einleitung und Methodenbeschreibung oft - und zwar nicht nur in der Medizin, sondern auch in Biologie, Chemie und Physik. Gefährlich wird es, wenn Ergebnisse geschönt oder abgeschrieben werden.

Die Doktorarbeit entsteht bei der Mehrzahl der Ärzte durch rituelle Nachahmung, ist Teil der medizinischen Folklore und wissenschaftlich oft ohne Wert. Der finanzielle Wert ist hingegen mehrfach berechnet worden. Steht "Dr. med." auf dem Praxisschild, fallen die Einkünfte um bis zu ein Drittel höher aus. Wenn der Medizinische Fakultätentag in seiner Stellungnahme zum "Masterplan Medizinstudium 2020" fordert, "qualitätsgesicherte medizinische Promotionen zu schaffen", sollte das ein Anlass sein, die Qualifikationswege für Ärzte endlich insgesamt besser zu strukturieren.

Die Dissertation als medizinisches Ritual hätte dann bald ausgedient

Drei Stränge bieten sich an: Einerseits braucht es Ärzte, die mit Patienten umgehen können. Wer manuell geschickt ist, das richtige Wort findet und komplexen Leiden auf die Spur kommt, sollte als Kliniker gefördert werden und - wenn überhaupt - praxisnahe Promotionen anstreben. Zweitens braucht es Ärzte, die sich für klinische Forschung begeistern und in sorgfältigen Studien ergründen, was in Diagnostik, Therapie und Versorgung verbessert werden kann. Diese Forschung weist in Deutschland noch viele Defizite auf. Der dritte Qualifikationsstrang bliebe den Grundlagenforschern vorbehalten, die viel zum Verständnis des gesunden wie kranken Körpers beitragen.

Entscheidet sich ein Medizinstudent für eine Promotion, kann man verlangen, dass er einen der drei Wege wählt - oder es ganz bleiben lässt. Leitungspositionen müssten auch entsprechend besetzt werden, sodass nur Chefarzt wird, wer tatsächlich die Kranken versteht und gut operieren kann - und nicht nur darin geübt ist, Reagenzgläser zu schütteln. Die Doktorarbeit als medizinisches Ritual hätte dann hoffentlich bald ausgedient.

© SZ vom 26.09.2015
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