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Medizin:HIV-Prophylaxe in der EU zugelassen

Die EU-Kommission hat das Medikament Truvada zur Vorbeugung einer HIV-Infektion zugelassen. Es soll bei regelmäßiger Einnahme ebenso sicher sein wie ein Kondom. Damit beginnt in Europa eine neue Phase im Umgang mit Aids.

Von Christoph Behrens

Die EU-Kommission hat erstmals ein Medikament zur Vorbeugung einer HIV-Infektion zugelassen. Das Arzneimittel "Truvada" des US-Herstellers Gilead könne künftig zur Prophylaxe gegen das Immunschwächevirus verschrieben werden, erklärte die Brüsseler Behörde. Die tägliche Einnahme der Pillen des US-Herstellers Gilead soll ähnlich wie die Benutzung eines Kondoms die sexuelle Übertragung des Erregers verhindern. Als Zielgruppe gelten vor allem homosexuelle Männer, die in Deutschland nach wie vor ein hohes Risiko für eine HIV-Ansteckung haben.

Mit der Freigabe der "Prä-Expositionsprophylaxe", kurz Prep, beginnt in Europa eine neue Phase im Umgang mit Aids. Bereits seit 2005 werden HIV-Infizierte mit Truvada behandelt, in Kombination mit anderen Präparaten unterdrückt es die Vermehrung des HI-Virus und verhindert damit den Ausbruch von Aids. Nun soll die Behandlung auf gesunde Personen mit hohem Ansteckungsrisiko ausgeweitet werden. Fachleute setzen große Hoffnungen in die Methode. So konnten Studien aus Großbritannien und Frankreich unter homosexuellen Männern zeigen, dass die vorbeugende Behandlung mit Truvada das Risiko einer HIV-Ansteckung um etwa 86 Prozent im Vergleich zu einer Kontrollgruppe senkt. In den USA ist Truvada zur Prävention seit 2012 zugelassen, andere Länder wie Südafrika, Kanada und Kenia haben nachgezogen.

"Der Schutz ist bei zuverlässiger Einnahme genauso gut wie durch ein Kondom", sagt Annette Haberl vom HIV-Zentrum am Universitätsklinikum Frankfurt. Allerdings werde die existierende Prävention, also zum Beispiel Aufklärung über Safer Sex, nicht fallen gelassen, betont die Medizinerin, "sondern es kommt ein zusätzlicher Baustein hinzu". Dieser sei in Deutschland vor allem für eine kleine Gruppe homosexueller Männer gedacht, "eine Zielgruppe, die es nicht immer schafft, konsequent ein Kondom zu benutzen". Laut Zahlen des Robert Koch Instituts infizieren sich jährlich rund 3200 Personen in Deutschland neu mit HIV, davon sind zwei Drittel homosexuelle Männer. "Wir haben nach wie vor stabile Infektionsraten - weil wir für bestimmte Gruppen kein wirksames Mittel gegen Ansteckungen haben", sagt Hans-Jürgen Stellbrink vom Infektionsmedizinischen Centrum Hamburg. Der Experte plädiert daher für einen sehr gezielten Einsatz von Prep.

Damit einhergehen müsse aber eine Begleitung durch Ärzte - und ein regelmäßiges Screening auf eine HIV-Infektion. Zudem müsse es mehr Aufklärung über die Risiken ungeschützten Geschlechtsverkehrs geben. "Wir beobachten vor allem bei Jüngeren eine vermehrte Risikobereitschaft", sagt Stellbrink. Die EU-Kommission knüpft die Zulassung des Präventivmedikaments an enge Auflagen. Die Einnahme solle nur zusammen mit der regelmäßigen Verwendung eines Kondoms erfolgen. Zudem müssten Anwender genau über die Schutzwirkung aufgeklärt werden: So droht der HIV-Schutz zu verwässern, falls Nutzer die Tabletten nicht jeden Tag schlucken. Gilead muss Ärzten und Nutzern nun zunächst Schulungsmaterialien zur Verfügung stellen. Diese Unterlagen würden derzeit geprüft, erklärte das in Deutschland zuständige Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Erst nach Abschluss des Verfahrens, das nach Auskunft der Behörde noch mehrere Wochen dauern kann, darf das Medikament von Ärzten zur Vorbeugung verschrieben werden.

Unklar ist jedoch, wie das Mittel finanziert werden soll. Derzeit liegen die Kosten bei etwa 800 Euro pro Monat. Florian Lanz, Sprecher des Spitzenverbands der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV), schloss gegenüber der SZ aus, dass die Kassen die Kosten für Prep übernehmen. "Mit dem Kondom gibt es eine deutlich günstigere Methode zur Vorbeugung", sagte Lanz. Die Deutsche Aids-Hilfe fordert hingegen eine Übernahme der Kosten.

© SZ vom 02.09.2016

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