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Lebenstriebe:Gut und Börse

Hilmar Klute kann sich über große Finanzkrisengewinner nicht richtig empören, denn schon ein Blick ins Kleinanlegerhirn verrät: Nicht den Gesetzen des Markts gehorcht der Gierige. Er ist ein lustvoller Naturbursche.

Wo wir doch gerade so nett gemeinsam hier in der globalen Krise zusammengekommen sind, könnten wir da nicht ein bisschen über die elende Gier all der Finanzjongleure, Investmentbanker und skrupellosen Kreditgeber herziehen?

Was sind denn das bitte schön! für Menschen?

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Vielleicht dass wir alle mit in die Hüften gestemmten Fäusten und Wutfalten auf der Stirn rufen: Was sind denn das bitte schön! für Menschen, die ohne jeden Skrupel immer nur reinbuttern und ihre Maßlosigkeit nicht einmal beschämend finden?

Empörung hoch zehn von uns aus, wirklich. Hatten die denn nicht von allem reichlich gehabt? Und müssen die immer noch mehr haben? Moralisch gesehen, hätten wir vielleicht recht mit diesem Sermon, aber in dieser Kolumne hat die Moral ja bisher immer eine eher begleitende Rolle gespielt.

Die Stimme der Wissenschaft ruft uns in dieser Stunde zu: Bitte mal schön die Luft anhalten, denn die Gier ist überhaupt nichts moralisch "Verzeigbares", wie die kreditwürdigen Schweizer sagen würden, sondern eine Sache des Reflexes.

Klar haben wir es mit der blanken Gier zu tun, wenn die Vorstände der größten US-Unternehmen, die in den letzten Jahren pleite gegangen sind, von 1999 bis 2001 insgesamt 3,3 Milliarden Dollar an Gehältern, Aktienoptionen, Gewinnen aus Aktienverkäufen und Boni eingestrichen haben, wie eine Studie der Financial Times besagt.

Aber es gibt noch eine weitere Studie, und in der ist die Gier eigentlich kein böser Dämon mehr, sondern höchstens eine kleine züngelnde Blindschleiche in unseren Köpfen.

Der Psychiater Gregory Berns von der Emory University in Atlanta hat sich vor einigen Jahren ein paar ganz normale Kleinanleger geschnappt, ihre Köpfe in einen Hirnscanner gelegt und ihnen abwechselnd mal Wasser, mal O-Saft in den Mund gespritzt, in festen zeitlichen Abständen.

Anschließend tat Berns dasselbe in zufälliger Folge, und zack, wurde das Lustzentrum des Gehirns bei den Anlegern besonders aktiv, was klarmachte: Das Gehirn belohnt unerwartete Genüsse eher als die erwarteten, denn die gescannten Kleinanlegerhirne konnten natürlich nur noch hoffen, dass leckerer Fruchtsaft in ihre gierigen Münder geträufelt wird.

Und damit sind wir wieder am internationalen Finanzbankett, wo all die kurz geschorenen, hart gekochten Typen in ihren durchgeschwitzten Businesshemden vor den Börsentafeln stehen und beten, dass in den nächsten Sekunden O-Saft kommt. Und weil sie ihn erwarten, setzen sie alles aufs Ganze.

Aber in den letzten Jahren ist leider dermaßen viel O-Saft geflossen, dass am Ende bestenfalls noch Wasser tröpfelt, und jetzt stehen die Jungs fassungslos da und haben auch noch Wasser in den Augen.

Wie man sieht, ist das alles reine Biologie, und die Jungs sind eigentlich nur Opfer ihres eigenen Lustzentrums geworden. Salopp gesagt: Jeder Investmentbanker hat so eine Art fiskalisches Eros-Center im Hirn, das ihn stärker an die Zügel nimmt, als die internationalen Marktgesetze dies tun.

Warum also regen wir uns so auf? Im Grunde befinden sich die Investmentbanker alle in jenem Naturzustand, von dem der alte Thomas Hobbes in seinem "Leviathan" so schön geschrieben hat. Kurz gesagt, die Gier ist die einzige Größe, die an der Börse notiert ist, aber keine staatlichen Hilfen braucht.

Und jetzt fassen wir uns alle ein Herz, lösen unsere Festgeldpapiere auf und spenden eine Runde O-Saft für die durchgeschwitzten Bankangestellten.

Der Kolumnist Hilmar Klute, geboren 1967 in Bochum, ist SZ-Redakteur und Buchautor.

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