Landwirtschaft Großes Potenzial mit Fragezeichen

"Tatsächlich steckt in der Rückgewinnung von weltweit knapp werdendem Phosphor aus Sekundärrohstoffen wie Urin ein großes Potenzial. Dies ist auch in der Kombination mit Stickstoff durchaus sinnvoll", begrüßt Carsten Meyer, Bereichsleiter für Abwassertechnik am Stuttgarter Institut für Siedlungswasserbau, Wassergüte- und Abfallwirtschaft, den Ansatz der Hamburger. "Allerdings setze ich bei dem aufwendigen Verfahren noch ein Fragezeichen. Der Energieaufwand scheint mir hoch zu sein", wirft Meyer ein.

Ohnehin wird es noch eine Weile dauern, bevor der Dünger aus der Hamburger Innenstadt konzentriert auf die Felder norddeutscher Landwirte gelangt. Es fehlen die Geschäftspartner. Zudem ist noch nicht klar, ob die Phosphate und Stickstoffe mineralisch aufbereitet oder doch eher Komposten und anderen organischen Materialien zugeschlagen werden sollen. Obgleich Wüstefeld noch am Anfang eines professionellen Vertriebs steht, gibt er sich optimistisch. Nicht zuletzt aus dem Grund, weil das Phosphat eine knappe Ressource ist, deren dramatische Abnahme von Fachleuten seit Längerem kontrovers diskutiert wird.

"Wir bieten mit unserem System eine Option für die Rückgewinnung von Phosphat", so Wüstefeld. Zudem spart die Separierung der Stickstoffe nach dem neuen Verfahren viel Energie: Weniger Wasser und weniger Stickstoffe im Abwasser bedeuten einen geringeren Aufwand beim Klären.

"Verdammte Spültoiletten"

Im Büro von Ralf Otterpohl steht eine Toilette mitten im Raum. "Terra Preta Sanitation" steht drauf. Es ist ein Demonstrationsobjekt und zeigt, womit sich Otterpohl als Leiter des Instituts für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz an der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH) seit vielen Jahren beschäftigt: mit häuslichen Abwässern. "Verdammte Spültoiletten", schimpft Otterpohl und wirbt für neue Methoden am stillen Örtchen. "Das ist ein wahnsinniger Luxus, den wir uns erlauben."

Der Ingenieur kritisiert nicht nur die Verschwendung von Trinkwasser, sondern auch von Energie. So geht Otterpohl davon aus, dass rund 50 Kilowattstunden pro Person und pro Jahr eingesetzt werden, um Stickstoff beim Klärprozess aus dem Abwasser herauszulösen. Dabei erschwere die Vermischung sowohl von Kot und Urin als auch verschiedener städtischer Abwässer aus Haushalten, Gewerbe, Industrie und Niederschlägen den Aufbereitungsprozess erheblich.

Deswegen favorisiert Otterpohl wasserfreie Toilettensysteme. Und genau deswegen setzt er so viele Hoffnungen auf das Intaqua-Pionierprojekt in der Hamburger Innenstadt. Er selbst sitzt für das Unternehmen im Aufsichtsrat und freut sich darüber, dass die Anlage im Gedärm der Großstadt von der Hamburger Umweltbehörde und Siemens finanziell unterstützt wird.

Dabei stellt Otterpohl mit Zufriedenheit fest, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für die Themen Abwasser und Nährstoffrückgewinnung deutlich zugenommen hat. Noch Anfang der 2000er-Jahre, als er für die Lübecker Neubausiedlung Flintenbreite eine Abwasseraufbereitung mit Vakuumtoiletten konzipierte, wurde er von den meisten Architekten, Städteplanern und Abfallwirtschaftlern belächelt.

Doch das hat sich deutlich geändert, seitdem die Folgen einer global dramatischen Urbanisierung, des Klimawandels und der Verarmung der Böden offensichtlich werden. So ist es wohl zu erklären, dass das städtische Wasserwerk Hamburg im geplanten Neubaugebiet Jenfelder Au ebenfalls mit neuartigen Unterdrucktoiletten Wasser und Strom sparen sowie Nährstoffe zurückgewinnen will.

Derweil hält Otterpohl den Nährstofftransfer von der Stadt zurück aufs Land für dringender denn je. Nur so lasse sich der Abfluss von Nährstoffen in die Meere der Welt verhindern. "Wenn es uns gelingt, die stoffliche Balance zwischen den Orten der Produktion und den Stätten des Konsums wiederherzustellen, dann können wir die überall auf der Welt zu verzeichnenden Negativtrends abmildern." Kontraproduktiv sei die weltweit unvermindert zu beobachtende Landflucht, stellt Otterpohl fest und verrät, dass er sich persönlich gegen diesen Trend entschieden hat: Er will seinen Ruhestand auf jeden Fall auf dem Land in einem landwirtschaftlichen Betrieb verbringen.