Lärm in deutschen Klassenzimmern:Wie bitte?

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Um mehr verlässliche Daten über die Belastung von Lehrern und Schülern zu bekommen, misst Gerhart Tiesler gerade mit seinen Mitarbeitern in der Schule an der Kantstraße neben dem Geräuschpegel auch den CO2- Gehalt der Luft. Zwölf Wochen lang nehmen er und seine Studenten an insgesamt drei Schulen Daten auf. "uch Lüften vermindert den Lärm" sagt Tiesler.

Gefahr von Hörschäden

Während ein raschelndenes Blatt noch keine Hörschäden bewirkt, sind Rockkonzerte und Verkehrsflugzeuge gefährlich für das Gehör.

(Foto: Foto: SZ Wissen 15/2007)

"Die Schüler sind danach entspannter." Gleichzeitig zeichnen die Forscher bei Anette Himmelskamp und einigen Kindern die Pulsfrequenz im Unterricht auf. Erste Auswertungen ergeben, dass diese mit der Lautstärke zusammenhängt. Gibt es denn ein Schulgebäude, das besonders laut ist? "Vor allem die vielen Jahrhundertwende- Schulen sind betroffen", sagt Tiesler. Und bei Bauten aus den Siebzigerjahren mit Betondecken die unteren Stockwerke. Auch Neubauten aus Sichtbeton, Stahl und Glas sind kritisch, die harten Materialien reflektieren den Schall gut.

Die Folgen für den Unterricht sind überall gleich: Lehrer und Schüler verstehen sich nicht mehr gut. In der Kantschule versucht Anette Himmelskamp, gegen den Lärmpegel anzukommen, indem sie betont spricht. Manche Sachen wiederholt sie. Die Forscher um Maria Klatte kennen das Phänomen. "Die Qualität der Kommunikation sinkt, wenn es laut ist", sagt Maria Klatte. Lehrer und Schüler formulieren dann kürzer und einfacher, sie sprechen langsamer, der Tonfall wird monotoner. Insgesamt teile man sich schlicht weniger mit.

Darunter leidet der Unterricht, die schulischen Ergebnisse werden schlechter. Es wäre interessant, Schulen mit schlechten Pisa- und Iglu-Ergebnissen auf ihre Akustik hin zu untersuchen. Hallt es in einem Klassenzimmer, verdecken die abklingenden Silben jedes nachfolgende Wort. Das Sprachsignal ist verzerrt, die Worte sind schlechter zu verstehen. Jedes Stühlerücken, jedes Husten bleibt als störendes Geräusch länger im Raum.

Lehrer müssen den Unterricht unterbrechen, die Schüler sind unkonzentrierter. Damit beginnt ein Teufelskreis: Während die Schüler immer weniger Lust haben zuzuhören, steigt bei den Pädagogen der Ärger. Sie müssen ständig alles wiederholen - und das in anschwellender Lautstärke.

Was bleibt, sind Dauerstress und Lernschwierigkeiten bei den Kindern, Hals- und Stimmprobleme bei den Lehrern. "Je jünger die Kinder sind, umso größer sind die Auswirkungen schlechter Klassenakustik", sagt Maria Klatte. Bis zu einem Alter von zwölf Jahren ist das akustische Gedächtnis für Sprache noch nicht voll ausgebildet, Verarbeitungsschritte sind nicht so automatisiert. Je lauter es ist, desto schneller sind die Kinder überfordert.

Der Grund für die Schwierigkeiten liegt in der geringeren Aufnahmekapazität des Kurzzeitgedächtnisses bei Kindern. Besonders benachteiligt sind Kinder mit Lernbehinderungen. Aber auch solche mit Migrationshintergrund, wie man neuerdings jene Schüler nennt, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. "Die Hälfte meiner Klasse geht in den Förderunterricht", sagt Anette Himmelskamp. Wer denkt, die Schule an der Kantstraße gehöre zu den Problemschulen, irrt. "Wir sind eine normale, keine Brennpunktschule." Als Brennpunktschule könnte man sie nur bezüglich ihrer Akustik einschätzen. Die Nachhallzeit ist in allen Räumen zu hoch.

Wie lange sie sein dürfte, ohne dass etwa Schulanfänger Probleme bekommen, untersuchen die Forscher um Maria Klatte im Oldenburger Hörzentrum. Im "Kommunikations- Akustik-Simulator" können die Forscher Nachhallzeiten gezielt einstellen. Das Labor, das aussieht wie ein gewöhnlicher Seminarraum, ist vollgepackt mit aufwändiger Elektronik - in den Decken und Wänden stecken empfindliche Mikrofone und Lautsprecher. "Damit können Sie jeden Raum akustisch simulieren", erklärt Gerhart Tiesler. "Nicht nur Klassenzimmer, auch eine Bahnhofshalle oder eine Kathedrale."

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