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Kommentar:Obszöne Geschäfte

Christian Weber mag kontroverse Diskussionen. Aber irgendwann reicht’s.

Es gibt nur noch wenige Branchen, die ordentliche Renditen generieren. Dazu gehören der Handel mit Kokain oder automatischen Waffen - und das Verlegen von wissenschaftlichen Zeitschriften. Das Geschäftsmodell fasziniert.

Es gibt nur noch wenige Branchen, die prächtige Renditen generieren. Dazu gehören etwa der Handel mit Kokain und automatischen Waffen. Die meisten einschlägigen Unternehmer leiden allerdings unter Stress; sie müssen damit rechnen, irgendwann hinter Gittern zu landen. Doch ein Gewerbe gibt es, in dem sich fantastische Gewinne völlig legal erzielen lassen. Es ist das wissenschaftliche Publikationswesen.

Zumindest die großen akademischen Fachverlage wie etwa Elsevier betreiben ein Geschäftsmodell, das in seiner Unverschämtheit schon wieder fasziniert. Da die großen Bibliotheken gezwungen sind, alle wichtigen Fachmagazine zu abonnieren, können die Verlage astronomische Preise diktieren. Jahresabopreise von 20 000 Euro und mehr kommen vor. Besonders dreist: Die hinter den Aufsätzen stehende Forschung ist weitgehend aus Steuergeld finanziert, Autoren und Gutachter arbeiten meist kostenlos. Der Verlag selbst bezahlt Papier, Druck, Vertrieb und ein paar Redakteure. Nur deshalb können die Verlage Umsatzrenditen von zum Teil mehr als 30 Prozent einstreichen. Zugleich leiden Bibliotheken unter Budgetkürzungen, bleiben Forscher in armen Ländern vom Erkenntnisfortschritt ausgeschlossen.

49 Millionen wissenschaftliche Aufsätze auf einer Website, frei zugänglich. Ein Traum!

Insofern freut man sich fast schon über eine Nachricht aus Russland als stammte sie aus jenem Sherwood Forest, in dem einst Robin Hood tätig war: In St. Petersburg hat die kasachische Hirnforscherin Alexandra Elbakyan auf der Plattform Sci-Hub mit ein wenig Hackerkunst 49 Millionen wissenschaftliche Aufsätze online gestellt, zugänglich für jeden. Ironischerweise machte Elsevier selbst die Plattform erst richtig bekannt, nachdem das Unternehmen im Sommer 2015 vor einem US-Gericht Klage eingereicht und eine einstweilige Verfügung durchgesetzt hatte.

Noch ist unklar, wie der juristische Streit enden wird und ob sich Sci-Hub überhaupt wieder aus dem Internet vertreiben lässt. Doch selbst wenn Verlage wie Elsevier noch die eine oder andere Schlacht gewinnen sollten; die aktuelle Auseinandersetzung zeigt, wie sie sich mit ihrer aggressiven Preispolitik selber ein Grab schaufeln. High-End-Journale wie Science und Nature wird es noch lange geben. Doch schon knapp darunter etablieren sich bereits jetzt Open-Access-Magazine, die online frei zugänglich sind. Vermutlich wird sich das Publikationswesen in den nächsten Jahren durch das Internet ohnehin dramatisch ändern. Die Herausforderung wird sein, dort verbindliche Treffpunkte und eine effiziente Qualitätskontrolle zu schaffen. Doch dann könnte ein Traum wahr werden. Alle Studien, alle Daten lägen offen - ein Fortschritt für die Wissenschaft.