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Kommentar:Mit drastischen Worten zum Erfolg

Report: Plastikmüll-Exporte wechseln rasch die Zielländer; Plastikmüll

Umweltschützer kritisieren die Vermüllung vieler Länder mit Plastik auch aus Deutschland.

(Foto: dpa)

Wissenschaftler fordern, dass Hersteller für Umweltschäden aufkommen sollen, die ihre Produkte verursachen. Das könnte zu Preissteigerungen führen. Und doch ist es gut.

Von Hanno Charisius

Wissenschaftler sprechen manchmal ziemlich kompliziert. Dies und das müsse berücksichtigt, jenes in Betracht gezogen werden und überhaupt gelte ihre Aussage nur unter ganz bestimmten Bedingungen. Meist sind Forscherinnen und Forscher allerdings vollkommen zu Recht zurückhaltend, wenn es um die Interpretation von Daten oder Beobachtungen geht. Vieles ist noch ungewiss, vieles wird gerade erforscht. Solange also viele Fragen offen sind, ist es nur richtig, sich nicht zu früh festzulegen.

Umso mehr fällt auf, wenn sich Forscher zusammenschließen und in unmissverständlichen Worten vortragen, was jetzt getan werden muss. So wie es angesichts der fortschreitenden Klimakrise inzwischen regelmäßig geschieht. Auch zur Coronakrise veröffentlichen Expertinnen und Experten seit Tagen klare Botschaften. Und nun, Mitte der Woche, fanden die Europäischen Akademien der Wissenschaft (Easac) eine ungewöhnlich deutliche Stimme, um der Plastikkrise den Kampf anzusagen.

Würden die Forderungen umgesetzt, stiegen die Preise für viele Produkte

Am Mittwoch veröffentlichte das Gremium einen Maßnahmenkatalog gegen die zunehmende Vermüllung des Planeten. Darin zu lesen sind sieben zum Teil radikale Forderungen. Dazu zählen zum Beispiel das Verbot von Müllexporten, Deponieverbote für Plastik (gibt es zwar in Deutschland, aber nicht in allen EU-Ländern), sowie bindende Vorgaben für das Verpackungsdesign. Letzteres soll sichererstellen, dass Plastikmüll recycelt, also materiell wiederverwertet wird. Dies ist nicht zu verwechseln mit dem "thermischen Recycling", wie die Müllverbrennung manchmal genannt wird.

Die Liste der Forderungen geht noch weiter: Die Hersteller sollen für den Umweltschaden aufkommen, den ihre Produkte verursachen. Das könnte zu Preissteigerungen führen. Und Geld ist bekanntlich noch immer das beste Instrument, um das Verhalten der Menschen zu steuern. Am Schluss ihres Katalogs fordern die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine gesetzliche Quote für Recyclingkunststoff in neuen Produkten. Diese aber würde die Industrie vor riesige Probleme stellen, denn Beimischungen wirken sich auf die Produkteigenschaften aus. Prozesse werden schwieriger, Materialien teurer.

Und doch ist es gut, dass der Zusammenschluss der Europäischen Wissenschaftsakademien so drastische Forderungen formuliert. Und ja, würden die Forderungen umgesetzt, würden die Preise für viele Produkte steigen. Aber wie soll sich sonst etwas ändern? Durch freiwillige Verpflichtungen? Jetzt ist klar, was getan werden muss. Und daran kann man politisches Handeln messen - und niemand mehr behaupten, er hätte von nichts gewusst.

© SZ vom 14.03.2020/hmw
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