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Klimawandel:Die Wüste kommt

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Vertrocknete Landschaft in Freila in der Nähe von Granada: Laut einer kürzlich erschienenen Studie könnte Südspanien im schlimmsten Fall bis zum Ende des Jahrhunderts verwüsten.

(Foto: Jose Luis Roca/AFP)

Mehr als 2000 Jahre lang hat das Bewässerungssystem am Fuße der Sierra Nevada funktioniert. Jetzt droht es zu kollabieren, weil die Sommer in Südspanien immer heißer und die Winter immer trockener werden. Nun sollen Drohnen helfen.

Am Fuße der südspanischen Sierra Nevada liegt Europas Obst-und Gemüsegarten. Die andalusische Sonne lässt auf dem sandigen Boden Millionen Tomaten, Avocados, Zitronen und Orangen gedeihen. Während sich im Südosten bei Almería das berühmte "Plastikmeer" aus Treibhäusern erstreckt, bearbeiten auf der anderen Seite des Gebirges kleine Farmer die fruchtbare Hochebene bei Granada. Vor mehr als 2000 Jahren brachten römische Eroberer die Landwirtschaft und ein ausgefeiltes Bewässerungssystem in die Region, die maurischen Besatzer perfektionierten es im Mittelalter. Tausende spanische Bauern nutzen es bis heute. Doch nun gerät dieses Erfolgskonzept aus dem Gleichgewicht: Die Gärten drohen zu verdorren.

Am Rande seines Feldes sitzt Ökobauer Jorge Molero unter einem Walnussbaum. Sein Hund Olive knackt einige Nüsse. Die Wasserkanäle, die an Moleros Äckern vorbeiführen, sind ausgetrocknet. Der Sommer war lang und heiß, mit unmenschlichen Temperaturen von über 40 Grad. Moleros Ernte ist auch dieses Jahr geringer als erhofft. Auf seinen Feldern liegen noch einige Kürbisse, es wächst der letzte Salat für dieses Jahr. Molero hat einige Hektar Land gepachtet und pflanzt Bio-Gemüse an - ohne Herbizide, ohne Insektenvernichtungsmittel. Im Dorf gilt er als "schmutzig", weil es auf seinen Feldern überall sprießt und gedeiht. Zwischen den kleinen Ackerstreifen wachsen Oliven-, Feigen-, Nuss- und Obstbäume.

Molero blickt missmutig auf die 3000 Meter hohen Berge, in denen dicke Wolken hängen. "Im Winter und Frühjahr schauen die Bauern dort hinauf, um abzuschätzen, wie viel sie anbauen können", sagt Molero. Wenig Schnee bedeutet: weniger Aussaaten. Seit einigen Jahren sei die Sierra Nevada nun schon weitgehend ohne "nevada", zu Deutsch Schneefall. Das Schmelzwasser des Gebirges läuft im Frühjahr in den jahrhundertealten Kanälen die Berghänge hinunter. Überall gibt es kleine Dämme und Schleusen, mit denen das Wasser über die vielen kleinen Äcker verteilt wird.

Schon jetzt stehen jedem Bauern nur wenige Stunden zu, in denen er seine Felder bewässern darf

Ohne kalte Winter in der Region müssen die Bauern sich etwas einfallen lassen. Der Ökobauer denkt darüber nach, nur noch Sorten anzubauen, die wenig Wasser brauchen, und auf ein Tröpfchensystem mit Schläuchen umzusteigen. Das kostet mindestens 5000 Euro - bei einem Einkommen von 500 Euro im Monat ist das eine Großinvestition. "Schon jetzt beginnen sich die Bauern um die Wasservorräte zu streiten", meint Molero. "Jeder hat nur wenige Stunden am Tag, um die Schleusen zu öffnen und seine Felder zu bewässern."

Andere Farmer in der Region machen sich da weniger Gedanken. Sie werden mit Subventionen vom spanischen Staat unterstützt, erzählt der Ökologie-Professor Jorge Castro von der Universität Granada. In seinem Büro am Rande der Stadt ist es angenehm kühl. Castro hat sein einstiges Engagement als Umweltschützer zum Beruf gemacht und kämpft gegen die industrielle Landwirtschaft in Südspanien. Die "Plastikwüsten" und Oliven-Monokulturen rund um die Stadt Almería seien eine Katastrophe für die Böden und die biologische Vielfalt der Region, sagt er wütend. "Eigentlich gibt es auch in Almería Wassermangel. Aber dort hilft die Regierung mit dem Bau von Staudämmen." Bei den Problemen von Klein- und Ökobauern sehe die Regierung weg. Dabei produzierten die für die Region, nicht für den Export wie die Großkonzerne. Die einst von kleinen Bauern bevölkerte Landschaft um die Sierra Nevada gehe ebenfalls immer mehr an Großgrundbesitzer oder Olivenmultis.

Tatsächlich sieht man auf der Hochebene von Granada öfter große Plantagen, in denen Olivenbäume in Reih und Glied stehen. Nur in wenigen Fällen stehen die Bäume verteilt auf Äckern, wie es traditionell üblich ist. Das befördert ein weiteres Problem in Andalusien: die Erosion. Spanische Wissenschaftler der Universität Córdoba simulierten die Zusammensetzung von Böden auf Olivenplantagen in Andalusien und fanden heraus, dass zwischen 1980 und 2000 bis zu 40 Prozent der fruchtbaren Böden verloren gegangen sind. Werde sämtliches Gewächs zwischen den Bäumen durch Herbizide vernichtet, trage der Wind den Boden ab. Weniger Sortenvielfalt und mehr Monokulturen dezimierten zudem den Insekten- und Vogelbestand, meint Ökologie-Professor Castro. Das wirke wieder auf die Landwirtschaft, etwa wenn es deshalb zu wenige Bienen gebe.

Zu diesen Problemen addieren sich nun die ersten Folgen des Klimawandels: wärmere Jahreszeiten, geringere Niederschläge und Dürreperioden. Laut einer kürzlich im Fachmagazin Science erschienenen Studie könnte Südspanien im schlimmsten Fall bis zum Ende des Jahrhunderts verwüsten. Schon die bisherigen 1,3 Grad Temperaturanstieg gegenüber der vorindustriellen Zeit haben der Region zugesetzt. Wird die globale Erwärmung nicht eingedämmt, könnte das mediterrane Ökosystem schon bald kippen. Für die Untersuchungen haben die Paläoklimatologen Joel Guiot und Wolfgang Cramer von der Universität Aix-Marseille die Klimaveränderungen der Region in den vergangenen 10 000 Jahren anhand von Pollenfunden in Sedimenten rekonstruiert. In wenigen Jahrzehnten könnte Andalusien demnach die stärksten Veränderungen in mehr als 4000 Jahren erfahren. Auch in anderen Teilen Südspaniens und in Nordafrika wären Millionen Menschen von der Verwüstung betroffen.

Ob und wann die Wüste die europäischen Grenzen erreicht, hängt von der Staatengemeinschaft und der Umsetzung des Weltklimavertrages ab, was vergangene Woche bei der Klimakonferenz in Marrakesch diskutiert wurde. Die bisher zugesagten Klimaziele der Staaten reichen jedenfalls noch lange nicht aus, um unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben.

Was den Landwirten in einem Jahr hilft, kann schon im folgenden die falsche Strategie sein

Doch parallel zu diesen Anstrengungen müssen bereits heute die ersten Kollateralschäden der gestiegenen Temperaturen behoben werden. Das ist der Job der Agraringenieurin Carolina Puerta-Piñero. Sie will den andalusischen Farmern helfen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen und die Ernteeinbußen in Grenzen zu halten. Am Institute of Agricultural Research and Training of Andalusia arbeitet sie an präzisen Wettervorhersagen und Empfehlungen für die Aussaaten. "Problematisch sind nicht nur die hohen Temperaturen, sondern die Unberechenbarkeit des Wetters: Wenn ich den Bauern in einem Jahr empfehle, lieber auf Bohnen statt auf Tomaten zu setzen, kann das im nächsten Jahr schon wieder komplett falsch sein", sagt Puerta-Piñero. Auf einem Onlineportal sollen die Bauern dank dezentraler Wetterstationen bald präzise Angaben zu den klimatischen Bedingungen der nächsten Saison bekommen. Zudem entwickelt die Forscherin eine neue Methode für die Klimaanpassung: den Einsatz von Drohnen.

Für ein Pilotprojekt hat sich Puerta-Piñero das Weingut Señorio de Nevada ausgesucht. Die malerische Hacienda liegt eingebettet in den Ausläufern der Sierra Nevada etwa 30 Kilometer südlich der Stadt Granada. Die Reben des Weinbauers Antonio Gimeno Chárlez ziehen sich 15 Hektar weit über die hüglige Landschaft. Dicht beieinander stehen Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Syrah, Merlot und Tempranillo. Besitzer Chárlez produziert derzeit etwa 20 000 Flaschen weniger im Jahr wegen der hohen Temperaturen: "Durch die heißen Sommer müssen wir die Trauben früher ernten", erklärt Chárlez. "Dann sind die Trauben noch nicht so kräftig und aromatisch wie bei einer späteren Ernte." Der Grundwasserspiegel könnte längerfristig so tief fallen, dass die Wurzeln seiner Reben ihn nicht mehr erreichen.

Zusammen mit der Agaringenieurin Puerta-Piñero will er vom kommenden Frühjahr an eine Drohne über seinen Reben kreisen lassen. Diese fotografiert die Plantagenabschnitte und gibt dem Winzer den exakten Zustand seiner Pflanzen durch. Dann weiß er genau, welche Trauben mehr Wasser brauchen und welche schnell geerntet werden müssen.

Präzise Voraussagen und effiziente Bewässerung können für die kommenden Jahre Erleichterung schaffen. Verhindern können sie den Wandel in der Region nicht. Agaringenieurin Puerta-Piñero glaubt trotzdem, dass der Klimawandel nicht nur Bedrohung, sondern auch Chance sein kann - für einen verantwortungsvollen Umgang mit Böden, Wasser und natürlichen Ressourcen. Ökobauer Jorge Molero sieht das ähnlich: Der Klimawandel lehre, wieder mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten, sagt er.

© SZ vom 23.11.2016
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