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Klimawandel:Alle Vögel sind noch da

Wie sich dieses Verhalten genau entwickeln und ausprägen konnte, ist noch nicht ganz klar. Wahrscheinlich aber flogen regelmäßig einzelne Tiere statt ihrer gewohnten Route einen anderen Weg und landeten in zunächst fremden Gebieten zur Rast, fanden dort gute Bedingungen vor und blieben.

Gab es dort keine deutlichen Verschlechterungen der äußeren Umstände durch Schnee oder Dauerfrost, und blieben die Nahrungsmöglichkeiten konstant gut, war es nicht nötig, diese Gebiete zu verlassen. Die Tiere kehrten anschließend in ihre gewohnten Sommergebiete zurück und flogen im folgenden Herbst wieder in ihr neues Überwinterungsgebiet. Ihre Nachkommen machten es dann genauso.

Vorteil bei der Partnerwahl

Dass die Grasmücke in neuen Gegenden überwintert, liegt an ihrem mit 140 Grad sehr breiten Zugfächer. Er führt die Tiere über Portugal im Westen bis nach Israel im Osten gen Süden. "Wer dabei vom Weg abkommt, wird je nach Region mit dem Tod bestraft. Wer aber das Glück hat, in einem perfekten Winterquartier zu landen, wird belohnt", sagt Berthold.

Ein geeignetes Winterquartier, das recht weit im Norden liegt, kann ein Vorteil sein. Die Vögel kehren früher in ihre Brutgebiete zurück und finden rascher einen Partner - meist einen, der ebenfalls in einer nahen oder gar in derselben Region überwintert hat. So werden die neuen Zuggewohnheiten an den Nachwuchs weitergegeben.

Auch bei anderen Vögeln wird dies beobachtet. "Stare überwinterten früher in West- und Südwestfrankreich. Heute sieht man sie den ganzen Winter über bei uns", sagt Markus Nipkow, Biologe beim Naturschutzbund (Nabu). Ebenso Sommergoldhähnchen, Stieglitz, Zilpzalp und Kiebitz. Möglich wird dies auch durch Veränderungen bei den Nahrungsbedingungen.

"Selbst Insektenfresser wie die Rauchschwalbe müssen heute bei uns im Winter nicht hungern - sogar im Januar fliegen Schnaken und Mücken, früher undenkbar", sagt Berthold. Wenn es so weiterginge, werde sich die Rauchschwalbe, die bis vor kurzem noch ein strenger Zugvogel war, innerhalb von 25 Generationen zum Standvogel entwickeln. Berthold rechnet in den kommenden Jahrzehnten mit einer dramatischen Zunahme afrikanischer Insektenarten in Europa - auch im Winter. "Dann haben die Vögel genug zu fressen."

Neben dem kräftesparenden Effekt hat es für Vögel einen weiteren Vorteil, ihre Reisegewohnheiten zu ändern. Die Tiere können die besten Brutplätze und Nahrungsräume beanspruchen und sind noch oder bereits wieder da, wenn ihre nach wie vor ziehenden Verwandten - die es natürlich immer noch gibt - zurückkehren. Das vererbt sich, so dass Bestände entstehen, die nur noch durch extreme Wettereinbrüche und Nahrungskrisen zum Wegzug bewegt werden können. Oder sie haben gelernt, einfach hier zu bleiben.

© SZ vom 23.09.2008/mcs
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