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Verhaltensforschung:Tiere wandern in die Stadt

Immer mehr wilde Tiere zieht es in urbane Lebensräume. Ihre natürliche Lebensweise bleibt dabei häufig auf der Strecke.

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Wildschwein: Weit über 6000 Borstentiere leben derzeit allein in Berlin. Sie verwüsten Blumenbeete und futtern die Pausenbrote tierlieber Schulkinder. Aber es gibt auch Zeichen der Integrationsbereitschaft: Anwohner berichten, dass die Tiere an den Ampeln im Villenvorort Zehlendorf bereits auf grünes Licht warten.

Foto: dpa

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Taube: Lange Zeit waren Biologen vom Orientierungssinn des Vogels fasziniert - vom Kompass in seinem Schnabel, mit dem er das Erdmagnetfeld lesen kann. Heute staunen Verhaltensforscher wie der Brite Tim Guilford darüber, wie gern die moderne, urbane Taube auf ihr altes Navigationssystem verzichtet. Er beobachtete, dass viele Tauben sich selbst im Flug lieber an Straßen orientieren: Sie biegen über Kreuzungen ab, und manche folgen sogar dem Verlauf von Kreisverkehren.

Foto: dpa

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Pinguin: In Simonstown bei Kapstadt überqueren afrikanische Pinguine (Spheniscus demersus) auf dem Heimweg auch mal Parkplätze. Seit ihrer Festlandinvasion Mitte der Achtzigerjahre leben die kleinen Vögel hier in nachbarschaftlicher Ein- und Zwietracht mit dem Menschen, bauen ihre Nester mit Vorliebe im Schutz seiner Zäune, in Gärten und in Erdspalten an Hauswänden, ziehen dort ihre Jungen auf, vernichten mit ihrem Kot seine Zierpflanzen und schauen sich auch schon mal in Wohnzimmern um.

Sie sind sehr selbstbewusst und bei Versuchen, sie zu vertreiben, überraschend wehrhaft, weshalb mancher Anwohner schon zur Waffe griff. Mittlerweile aber stehen die Pinguine unter Schutz. Ihre Teilnahme am Straßenverkehr erklärt der Biologe Peter Ryan von der Universität Kapstadt: Ein Elternteil hüte stets Nest und Junge, das andere gehe auf die Jagd im Meer. Die kürzesten Strecken zwischen Küste und Gartennistplätzen aber führen über asphaltierte Seitenstraßen und Parkplätze, auf denen die kleinen Familienernährer jeden Abend zur Rushhour einen eigenen, dichten Berufsverkehr veranstalten.

Foto: ap / Pinguin im Zoo in Edingburgh

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Waschbär: Seine natürlichen Schlafplätze wie Baumhöhlen oder Dachsbauten hat dieser Waschbär gegen eine noble Adresse getauscht. Er wohnt in der Tiefgarage des Hotels "Park Inn" am Berliner Alexanderplatz und frühstückt Fast Food von Burger King. Etwa 20 Waschbären wohnen in Berlin in festen Quartieren, schätzt der Wildtierbeauftragte der Stadt. Die Tiere haben sich in Einkaufszentren und Industriehallen eingerichtet. Zentrum des urbanen Waschbärlebens ist jedoch Kassel. Dort tummeln sich 100 Tiere auf 100 Hektar.

Foto: dpa

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Huhn: Ob in Ställen oder an den Straßen von Amsterdam: Domestiziertes Federvieh nimmt fast mühelos am Leben des modernen Menschen teil. Echte Anpassung verlangt urbanes Dasein von anderen Vögeln: Berliner Nachtigallen und amerikanische Stadtsperber müssen lauter rufen als ländliche Artgenossen, um den Verkehr zu übertönen. Urbane Meisen piepsen höher, und einige Rotkehlchen singen nur noch nachts, wenn weniger Autos fahren. Der britische Zoologe Richard Fuller sagt, manche Stadtvögel litten schon unter Schlafmangel.

Foto: Reuters

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Dachs und Marder: Dachsen reicht in der Stadt ein kleineres Revier als auf dem Land, wie Timothy Roper von der Universität Sussex erforscht hat. Das liegt am guten Nahrungsangebot: Oft werden sie von Menschen gefüttert - oder sie fressen deren Abfälle. Für ihre Verwandten, die Steinmarder, sind auch abgestellte Autos Bestandteile eines Reviers, das sie stets mit Duftnoten markieren. Stellt der Mensch sein Auto einmal im falschen Revier ab, zerbeißt der Marder aus Wut über die Duftnote seines Rivalen die Kabel.

Foto: dpa

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Affe: Natürlich sind 20.000 Rhesusaffen in der Millionenstadt Delhi immer noch eine Minderheit, andererseits haben sie sich ausgerechnet im grünen Regierungsviertel breitgemacht, in der Nachbarschaft des Verteidigungsministeriums. Neue Aufregung gab es in der indischen Hauptstadt, nachdem im Herbst vergangenen Jahres der stellvertretende Bürgermeister Sawinder Singh Bajwa, 52, sich von seinem Balkon in den Tod stürzte beim Versuch, eine vierköpfige Affenbande zu vertreiben. Sie hatte ihn bei der Zeitungslektüre gestört.

Foto: ap

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Schwan: Traditionelle Familienverhältnisse zählen in der Stadt nicht mehr viel. Statt sich einen Artgenossen als Partner zu suchen und mit ihm Nachkommen zu zeugen, verliebte sich Trauerschwan Petra, wohnhaft im Münsteraner Zoo, vor zwei Jahren bedingungslos in ein schwanenförmiges Tretboot. Kurzfristig ließ sich Petra zwar mit einem leibhaftigen Schwanenpartner ein, doch als der seine berühmt gewordene Schwanenfrau wieder verließ, kehrte Petra zu ihrer ersten Liebe, dem Boot, zurück.

Foto: dpa

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Fuchs: Mit besonderer Schläue passen sich Füchse an urbane Lebensräume an. In Berlin wegelagern sie an Straßen, auf denen besonders viele Tiere totgefahren werden. Andere wissen, wann in welchen Straßen der Müll abholbereit steht, und bedienen sich an den Abfällen. Auch in Zürich erweitert weggeworfenes Essen wie Teigwaren und Käse den Speiseplan der Aasfresser. Manche Füchse betteln dort in Parks sogar Passanten an. Bei Berliner Füchsen beliebt ist der geschützte Garten des Kanzleramts. Kein Wunder, dass sich Füchse in Städten gut vermehren: Etwa 6000 leben allein in München, ihre Populationsdichte ist dort zehnmal so hoch wie in Waldrevieren.

Foto: ap

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Schwarzbär: An heißen Sommertagen wandern Schwarzbären ins kalifornische Monrovia, um sich in Swimmingpools die Abkühlung zu suchen, die ihnen ihr natürlicher Lebensraum in den Bergen und Wäldern nicht bieten kann. Danach stillen die Bären ihren Hunger mit frischem Obst aus Gärten und Essensresten aus Mülltonnen. Versteckte Ladungen Pfefferspray sollen die Tiere von den Plünderungen abhalten, doch der Erfolg ist gering: Forscher haben gemessen, dass die Bären dicker und früher geschlechtsreif werden und mehr Junge bekommen. 33.000 Schwarzbären gibt es heute in Kalifornien - achtmal so viele wie vor 20 Jahren. Dass das Leben im Überfluss jedoch auch Gefahren birgt, musste Bär "Samson" erfahren. Er fraß eine Plastiktüte kam darauf zur Erholung in den Zoo, wo er starb. Monrovias Bewohner ehrten ihn posthum mit einem Denkmal.

Foto: ap

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Taube, Fink und Star: Bahnsteig leer gepickt? Kein Problem, die nächste Metro kommt bestimmt. Dann steigen stadterprobte Tauben ein, fahren los und suchen, was Fahrgäste drinnen fallengelassen haben. Spätestens nach dem Ausstieg wird sich an der nächsten Station wieder Futter finden lassen, wie die New Yorker Vögel wissen. Subway-Reinigungskräfte haben verwunderten Ornithologen detailliert beschrieben, wie manche Vögel sich an die urbane Wildbahn anpassen: Sie nutzen sie - auf ihre Art - so ähnlich wie der Mensch.

Dass dies, wie auch beim Menschen, nicht immer unproblematisch ist, beobachtete der amerikanische Biologe John Swaddle an Zebrafinken: Die Vogelpaare legten aufgrund urbaner Reizüberflutung ihre lebenslange Treue ab und leben im Lärm der Städte, in dem die Rufe des Partners untergehen, heute vorwiegend promisk. Imitationsbegabte Singvögel wie Stare hingegen lieben die vielen Geräusche und singen mit wachsender Vorliebe nervige Handyklingelmelodien nach, wie Biologen aus deutschen und britischen Städten berichten.

Foto: www.pixelio.de/Rainer Sturm

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Elster und Amsel: Dass Mensch und Vogel einander im gedrängten urbanen Zusammenleben aber auch durch bloße Anwesenheit leicht stören können, zeigen die neuesten Verhaltensweisen australischer Elstern: Männliche Vögel attackieren immer wieder Fußgänger, Rad- und Mopedfahrer, die in die Nähe ihrer Jungen kommen - "eine nur in Städten beobachtete Verhaltensauffälligkeit", sagt der Verhaltensforscher Darryl Jones von der Griffith University. Die unterschiedlichen Gewohnheiten von Stadt- und Landvögeln könnten eines Tages sogar zur Entwicklung mehrerer neuer Arten führen, zum Beispiel bei Amseln, prognostiziert der Biologe Hans Slabbekoorn von der Universität Leiden. So locken Stadtamseln ihre Partner dank Straßenlärm und -beleuchtung zu anderen Tageszeiten und mit anderen Tönen an und sind oft etwas dicker und bewegungsfauler als ihre Verwandten auf dem Land.

Foto: Gemeinfrei (Text: SZ Wissen)

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