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Internationale Walfangkommission:Töten, um zu schützen

Mit einer eingeschränkten Erlaubnis zum Walfang will die Walfangkommission Japan, Island und Norwegen kontrollieren. In Deutschland stößt der Plan auf Skepsis.

Martin Kotynek

Mit ihren kleinen Schlauchbooten drängen sie sich auf hoher See zwischen die Wale und die Harpunen der Fangschiffe, sie riskieren ihr Leben für den Schutz der Meeressäuger - so wichtig ist vielen Umweltschützern das internationale Fangverbot für Wale.

Zwergwal, AP

Norwegen dürfte mit der geplanten Fangquote pro Jahr 44 Zwergwale mehr fangen als im Durchschnitt die letzten zehn Jahre getötet wurden.

(Foto: Foto: AP)

Doch was als eine der wichtigsten Errungenschaften und als Symbol für den Artenschutz gilt, ist nun in Gefahr: Die Länder Japan, Island und Norwegen, die den Fangstopp bislang ignorieren, sollen künftig legal bis zu 1400 Wale pro Jahr töten dürfen.

Das sieht ein Vorschlag der Internationalen Walfangkommission (IWC) vor, den Deutschland mitentwickelt hat: Erstmals seit 1986 soll es wieder erlaubt sein, Wale für kommerzielle Zwecke zu töten, für zehn Jahre sollen Fangquoten gelten. Das soll den Walschutz verbessern, hofft die IWC.

Nicht nur Umweltschützer, SPD und Grüne sprechen von einem Tabubruch. "Der vorliegende Vorschlag ist nicht annehmbar", sagt Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU), die auch für die Fischerei zuständig ist.

Am Mittwoch berieten auch die Abgeordneten der Ausschüsse für Landwirtschaft und Umwelt des Bundestages über einen fraktionsübergreifenden Antrag gegen den IWC-Vorschlag - bisher ohne Ergebnis.

Ohnehin sind Wale, von denen zahlreiche Arten vom Aussterben bedroht sind, derzeit nicht ausreichend geschützt, weil die Mitgliedsländer in der Walfang-Kommission heillos zerstritten sind. Walfangländer und Länder, welche die Wale schützen wollen, stehen sich unversöhnlich gegenüber.

Beide Seiten verfügen über keine Mehrheit, um die jeweils andere Seite überstimmen zu können - in dieser Pattstellung ist die Kommission handlungsunfähig. So können Japan, Island und Norwegen weiterhin problemlos legale Schlupflöcher in dem Vertrag nutzen und so viele Wale töten, wie sie wollen.

Eine frustrierende Situation für Umweltschützer: Trotz des Verbotes werden immer mehr Wale gefangen, in manchen Jahren sterben mehr als 2300 Tiere.

Kompromiss schwächt Schutz der Wale

Mit ihrem Reformvorschlag von Ende April will die IWC nun die 88 Mitgliedsstaaten versöhnen - allerdings auf Kosten der Wale, wie Umweltschützer kritisieren. Anfangs hatte das Bundeslandwirtschaftsministerium den Vorschlag noch stark unterstützt.

In einem Papier des Ministeriums an die Bundestagsabgeordneten von Anfang Mai heißt es, der Vorschlag sehe vor, "den Walfang der Staaten, die bislang das Moratorium umgehen, der Kontrolle der IWC zu unterstellen und schrittweise deutlich zurückzuführen".

Für Japan trifft das zu, Island und Norwegen würden hingegen dafür belohnt, dass sie das Fangverbot bislang ignorieren.

"Norwegen dürfte pro Jahr 44 Zwergwale mehr fangen als das Land seit zehn Jahren im Schnitt tötet", sagt die Biologin Sandra Altherr.

Ähnliches gelte für Island: "Das Land fängt durchschnittlich 40 Zwergwale und weniger als zehn Finnwale pro Jahr - künftig sollen es je 80 Tiere sein dürfen", sagt Altherr. So würde der Kompromissvorschlag den Schutz der Wale schwächen.

Inzwischen sieht man auch im Landwirtschaftsministerium den Vorschlag kritischer, unter anderem, weil Japan in einem Walschutzgebiet im Südpolarmeer legal Meeressäuger fangen dürfte - darunter auch den stark gefährdeten Finnwal.

Bisher ist das Schutzgebiet für die Fangflotten tabu. "Mit uns wird es keinen dauerhaften Walfang im Südpolarmeer geben, und mit uns wird es auch keinen internationalen Handel mit Walfleisch geben", heißt es aus dem Ministerium.

Zudem müsse Japan sofort den Fang von Finnwalen im Schutzgebiet einstellen. Sollte Deutschland diese Forderungen bei der nächsten IWC-Konferenz im Juni nicht durchsetzen können, werde das Land den Vorschlag ablehnen. Es dürfe keinen Kompromiss um jeden Preis geben.

Eine weitere Forderung richtet Landwirtschaftsministerin Aigner an Island, das der EU beitreten will: "Ich erwarte von der EU-Kommission, dass Beitrittsgespräche mit Island nur stattfinden, wenn sich das Land auch beim Walschutz zu dem gemeinsamen europäischen Weg bekennt", sagt Aigner.

Im vergangenen Jahr hatten sich die EU-Mitgliedsstaaten zu einem Stopp jeglichen kommerziellen Walfangs bekannt. Allerdings ist sich die EU über den IWC-Vorschlag nicht einig. Großbritannien, die Niederlande und Österreich lehnen ihn ab, Dänemark befürwortet ihn.

Kommt es zu keiner Einigung, droht der EU eine herbe Niederlage - schlimmstenfalls müssten sich die EU-Mitgliedsstaaten dann der Stimme enthalten. So hätten die Walfangländer in der IWC die Mehrheit und könnten ihre Vorschläge durchsetzen - für den Schutz der Tiere wäre das ein Debakel.

© SZ vom 20.05.2010/cosa
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